Stillleben mit Krebsschalen und Fliege – "Astro crusto", fotografiert von Wolfgang Tillmans © Wolfgang Tillmans

Die Lebensgeschichte von Wolfgang Tillmans ist eines dieser Märchen, wie sie die neunziger Jahre schrieben. Damals avancierten Künstler mit einem rauen, kantigen Stil zu Leitfiguren der Kreativindustrie. Die einst elitäre Nischendisziplin der zeitgenössischen Kunst wurde durchlässiger und begann bald schon mit der Popkultur innig zu verschmelzen. Die Zeichen standen auf fresh und young und edgy und challenging und dynamic. Während heute, parallel zur Wiederentdeckung des politischen Konservatismus, allerorten hochbetagte Künstler entdeckt und gefeiert werden, frönten die Neunziger noch ungehemmt dem Jugendkult.

Wolfgang Tillmans, geboren 1968 in Remscheid und später in Hamburg, London, New York und Berlin lebend, reüssierte etwa zeitgleich mit den Young British Artists, von denen viele vom Werbefachmann und Großsammler Charles Saatchi gefördert wurden. Doch Tillmans war nicht Teil jenes Spekulationsumfeldes. Er verkörperte sogar so etwas wie ein Gegenprinzip: Gleichsam als teilnehmender Beobachter fotografierte er die Rave- und Schwulenszene und genoss damit bei vielen den Ruf subversiver Authentizität. "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", sangen die Indie-Rocker Tocotronic 1995. Das war genau in dem Jahr, als Tillmans sein erstes Künstlerbuch mit vordergründig beiläufigen, betont distanzlosen Aufnahmen seines Techno-Umfelds veröffentlichte. Fast schlagartig wurde er berühmt. Und bald auch big in Japan.

Die Frankfurter Allgemeine attestierte ihm Jahre später, seine Fotografien kämen "ohne Druck, ohne Zwang, ohne Theorien" daher, ja durch "seinen milden Blick werden wir umarmt, akzeptiert und versöhnt". Damit war und ist Tillmans der perfekte Künstler für die nachtheoretische und nachkritische Ära der Künste. Von den fünfziger bis in die siebziger Jahre war ein möglichst verspulter Theoriejargon unverzichtbarer Begleiter der Künste. Erst Adorno, dann Foucault, Derrida, Deleuze. In den Achtzigern wurde Theorie, vor allem in Gestalt außen poppiger und innen komplizierter Merve-Bändchen, zur Insignie eines Milieus, das "mit dem Standbein in der Uni, mit dem Spielbein aber schlau im Nachtleben stand" (Philipp Felsch). Im gegenwärtigen pragmatic turn, der sich für Art Handling, Artistic Research, Kunstmarktmechanismen und handfesten Aktivismus interessiert, gerät das stark stilisierte Denken der Postmoderne immer stärker unter Beschuss. Tillmans hatte diesbezüglich, ob wissentlich oder unwissentlich, die richtigen Weichen gestellt. Er war nie ein Mitglied einer Diskurssekte gewesen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Seine Kunst ist niederschwellig, verhaftet in der Avantgarde des Alltags. Sein Umgang mit dem Kunstbetrieb ist pragmatisch und professionell. Er spricht unprätentiös. Gebraucht kaum Fremdwörter. Ist nett. Zugänglich. Lächelt viel und einnehmend. Fachsimpelt gerne auch über technische und handwerkliche Aspekte. Ein Typ von nebenan, der sogar mal den wichtigsten Kunstpreis der Welt, den Turner Prize, erhalten hat.

Andererseits liebäugelte Tillmans schon als junger Bildlieferant für Lifestyle-Magazine mit dem Habitus des avantgardistischen, unablässig zu neuen Ufern aufbrechenden Künstlers. In den frühen Neunzigern knüpfte er emsig Kontakte zu Galerien und klapperte in schneller, bis heute unabgeschlossener Folge alle möglichen Gattungen, Genres, Themen ab: Porträts, abstrakte Bilder, Gemälde, Kleidung, Fotokopien, Freunde, Zeichnungen, Materialcollagen, Landschaften, Autos, Architekturfotografie, Politik, Astronomie, Müll, Genitalien und immer so weiter. Mal komponiert er elektronische Popmusik oder spielt seine Lieblingsplatten auf Hightech-Anlagen im Museum ab, mal stattet er den Berliner Club Berghain mit Bildschmuck aus oder lichtet als Modefotograf Kate Moss für die Vogue ab. Alles locker, unangestrengt, auch das Derbe, das Obszöne, das Perverse und Abgründige.

Das mag beliebig wirken, ist aber auch so gemeint: Sein Leben sei bestimmt von Zufällen und Umständen, die er nicht kontrollieren könne, sagte Tillmans anlässlich der Verleihung des Hasselblad-Awards 2015. Und das finde er gut so.