Der Horizont verdunkelt sich, die Zukunft wirkt erschöpft. Sie erscheint unberechenbar. Selbst die Bundesbürger, so ermittelten es die Demoskopen, blicken dem Jahr mit gedämpfter Hoffnung entgegen.

Und dennoch ist die Rolle der Zukunft auch in Zeiten politischer Erdbeben und Hoffnungseinbrüche mehrfach besetzt. Während in Washington der Chefideologe Steve Bannon eine finstere geschichtsphilosophische Wiedergeburt aus Zerstörung und nahendem Krieg zusammenbraut, ruft gleichzeitig in Frankreichs Wahlkampf der junge Überraschungsstar Emmanuel Macron im Ton der europäischen weltlichen Verheißung: "Das Beste liegt noch vor uns!"; und er bezieht sich zugleich, historisch rückwärts, auf die alten Grundpfeiler der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Kandidat Schulz in Deutschland indes scheut sich nicht, das kommende Säkulum in Gänze rhetorisch zu schultern, wenn er sich vornimmt, "im 21. Jahrhundert Demokratie zu garantieren, die auf individuellen Grundrechten für alle beruht, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Rasse oder Religion".

Die unbekannte Welt von morgen, wie mag sie eines Tages wirklich gewesen sein? Selten schneien gewichtige Sachbücher so unerwartbar in die Gegenwart hinein wie die beiden neuen Werke über die Zukunft, die zufällig gleichzeitig entstanden sind: Ausgerechnet zwei namhafte Historiker, mithin Experten für die Vergangenheit, haben sie geschrieben. Diese Historiker und auch ihre Bücher könnten verschiedener kaum sein.

Das erste der beiden stammt von dem 73-jährigen Joachim Radkau aus Bielefeld, dem so angesehenen wie geistreichen Umwelthistoriker, Nervositätsexperten und Max-Weber-Biografen. Seine 544-seitige Geschichte der Zukunft gleicht einem Wimmelbild aus Überraschungen, Kuriositäten und Gedankenblitzen. Die Zukunft, von der Radkau erzählt, liegt in der jüngsten Vergangenheit: Er hat aus den abgelegensten Quellen zusammengetragen, welche Prognosen, Visionen und Irrungen in Deutschland seit dem Kriegsende 1945 die Zukunftserwartungen bestimmt haben, in Ost und West. Atomtod, Bildungskatastrophe, Siegeszug des Sozialismus, Waldsterben, Ende der Arbeitsgesellschaft, Energiewende: Die zahllosen Akteure der Geschichte sind bei Radkau Ingenieure, Lokalpolitiker, Gutachter, Philosophen und Umweltaktivisten, Journalisten, Bauern, Flüchtlinge, Physiker – jeder. Grunddemokratisch.

Die Kurzfassung dieses Buchs könnte lauten: Es kommt in der Zukunft oft anders, als man denkt, und Intellektuelle irren bisweilen. Die Lieblingszutaten in dieser Geschichte sind die Ironie, das Unverfügbare, das Offene, das Paradox. Und Radkaus Lieblingsgegner ist die große Meistererzählung von der einen Historie. Mag Bielefeld sonst für die riesenhaften Historikernamen Reinhart Koselleck und Hans-Ulrich Wehler und deren Standardwerke zur Begriffs- und Gesellschaftsgeschichte stehen: Radkaus Erzählungen wimmeln von Alternativen, Abbrüchen, Kehrtwendungen und kleinen, aufschlussreichen Zufällen, die dafür gesorgt haben, dass es so oder anders kam. Wenn es überhaupt ein leitendes Geländer in diesem Buch gibt, dann ist es die Entschlossenheit des Autors, alle Besserwisserei im Nachhinein zu knicken und für die Offenheit der Geschichte die Tür einen Spalt weit aufzuklemmen. Er stellt den Fuß selbst in die Tür.

Dagegen, daneben das andere frisch erschienene Buch: Es stammt von einem hochbegabten israelischen Historiker, dem 40-jährigen Yuval Harari aus Jerusalem, dem man bereits eine spektakulär gut erzählte und verkaufte Kurze Geschichte der Menschheit verdankt und der in seinem neuen, fast 600-seitigen Buch Homo Deus die Geschichte von morgen entwirft, im Wunderkind-Modus, ein großer Wurf, der traumhaft sicher ausmalt, welche Zukunft wir Heutigen vor uns haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Die Kurzfassung dieses Buchs: Es gibt eine Art Masterplan der Gattung Mensch, der sich von den Uranfängen bis in die Zukunft aufspannen lässt, vom Homo sapiens zum Homo Deus. Er führt, nachdem heute endlich Hunger, Krieg und Seuchen im Wesentlichen besiegt sind, in ein Morgen der menschlichen Selbstüberhebung, in der Menschen mithilfe der Biotechnologie und als Anhänger einer totalitär technikversessenen Daten-Religion ihre Göttlichkeit, ihre Unsterblichkeit, ihr ewiges Glück verfertigen werden. Jedenfalls einige wenige von ihnen. Denn die meisten Menschen werden überflüssig sein, ökonomisch und militärisch zu nichts mehr nütze. Harari will das Schlimmste verhindern: Die Zukunft ist weder Verheißung noch Schicksal, Homo sapiens selbst muss dafür sorgen, dass er ein Mensch bleibt und nicht in den Datenströmen das Bewusstsein verliert und ertrinkt. Auch dieser Historiker der Zukunft also will die Tür einen Spalt weit offen halten.

Wir stellen uns vor: Joachim Radkau und Yuval Harari gemeinsam auf einem öffentlichen Podium, Thema Zukunft, das könnte heiter werden. Sogar der coole Harari würde wohl zappelig, wenn der Bielefelder Kollege all seine kribbeligen Ameisenscharen der Geschichte frei laufen ließe. Radkau wiederum würde vermutlich in tiefe Sorge darüber verfallen, dass dieser vielversprechende junge Kollege aus Jerusalem sich vom eigenen majestätischen Plan so humorgefährdend in den Bann schlagen lässt. Und das Publikum wäre begeistert. Es spürte, trotz aller begründeten Angst, wie offen der Weg doch ist, der vor ihm liegt.