Den Unterschied zwischen Demokraten und Populisten beschreibt der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz so: Populisten machen aus den Sorgen der Menschen Angst und daraus Hass. Demokraten nehmen die Sorgen der Menschen ernst und arbeiten an einer Lösung. Das sei die "vielleicht entscheidende Trennlinie zwischen Demokraten und Rechtspopulisten". Wenn das stimmt, dann ist diese Trennlinie ziemlich schmal. Das zeigt ausgerechnet die erste große programmatische Rede, die "The Schulz" zu Beginn der Woche gehalten hat.

Auf einer SPD-Konferenz beschrieb Merkels Herausforderer erstmals genauer, was aus seiner Sicht schiefläuft am deutschen Arbeitsmarkt und wie er das ändern will. "Das sogenannte Normalarbeitsverhältnis gerät immer mehr unter Druck – mit allen Folgen für die sozialen Sicherungssysteme", lautete einer seiner Kernsätze. Die Ungleichheit nehme zu, weil es "immer mehr prekäre Arbeit" gebe. Und selbst ein guter Berufsabschluss bedeute "nicht mehr automatisch Sicherheit". Die Probleme sind demnach gewaltig.

Doch die Grenze zwischen "Sorgen ernst nehmen" und "Angst schüren" ist fließend. Wie berechtigt sind die von Schulz angeführten Sorgen wirklich? Eine Prüfung der Fakten weckt Zweifel.

Gibt es immer weniger Normalarbeitsverhältnisse und immer mehr prekäre Arbeit? Statistiken belegen eher das Gegenteil. Prekär heißt unsicher. Zu der Kategorie zählen üblicherweise befristete Arbeitsverträge, Minijobs, Leiharbeit und auch eine Tätigkeit als sogenannter Solo-Selbstständiger, das sind Selbstständige ohne Angestellte. In den vergangenen Jahren hat die Leiharbeit tatsächlich zugenommen. Im Vergleich zum Jahr 2006 wuchs sie um 370.000 auf eine Million Stellen. Alle anderen genannten Erwerbsformen gingen jedoch zurück: die Befristungen um 200.000 auf 2,5 Millionen, die Minijobs um 80.000 auf 4,8 Millionen und die Solo-Selbstständigen um 120.000 auf zwei Millionen. Einfach addieren darf man die Zahlen nicht, weil es Überschneidungen gibt. Aber der von Schulz angesprochene Zuwachs lässt sich kaum konstruieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Eine Kategorie von Jobs fehlt in dieser Aufzählung: die sogenannten Werkverträge. Sie sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. Ein Maler, der zu einem vereinbarten Preis ein Zimmer tapeziert, handelt im Rahmen eines Werkvertrages. Der Auftraggeber vergütet ihn nicht nach Stunden, sondern bezahlt für das fertige "Werk". Nach Darstellung des Deutschen Gewerkschaftsbundes missbrauchen Firmen solche Vereinbarungen aber zunehmend. Sie hebelten damit Tarifverträge aus oder beschäftigten ihre Mitarbeiter sogar als Scheinselbstständige. Die Arbeitgeberverbände bestreiten, dass es so einen Trend gibt. Eine verlässliche Statistik existiert nicht.

Umstritten ist auch, wie Teilzeit zu beurteilen ist. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sagt: "Jede Teilzeit als prekär anzusehen, halte ich für falsch. Es gibt auch nur ein Teil der Betroffenen an, unfreiwillig Teilzeit zu arbeiten." Das Statistische Bundesamt zählt Teilzeit mit weniger als 20 Wochenstunden zur "atypischen" Beschäftigung. Diese Teilzeit ist seit 2006 minimal zurückgegangen (um 14.000 auf 568.000). Am Gesamtbefund ändert sie also nichts. Die statistisch erfasste prekäre Arbeit wächst nicht mehr.

Weniger Unsicherheit als früher

Arbeitslosenquote je nach Abschluss (in Prozent)

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung © ZEIT Grafik

Vor 2006 war das anders. Da nahmen die prekären oder auch "atypischen" Jobs tatsächlich zu. Damals hätte das "immer mehr" von Schulz gestimmt. Doch seit diesem Wendepunkt ist der Trend ein anderer. Seit 2006 entstanden rund 1,5 Millionen "normale" Arbeitsplätze, das heißt unbefristet, sozialversicherungspflichtig, in Vollzeit und nicht als Leiharbeit. Das Statistische Bundesamt, das auch Teilzeit mit über 20 Wochenstunden dazurechnet, kommt sogar auf 2,7 Millionen Stellen. Demnach boomt schon seit zehn Jahren vor allem eines: das sogenannte Normalarbeitsverhältnis.

Und zwar "mit allen Folgen für die sozialen Sicherungssysteme", wie Schulz – mit freilich anderer Intention – anmerkte. Die Sozialkassen sind gefüllt wie lange nicht. Ob Renten-, Arbeitslosen-, Kranken- oder Pflegeversicherung: Die Beitragseinnahmen haben Höchststände erreicht. Deshalb wird bei der Pflege und bei der Rente seit geraumer Zeit diskutiert, neue Leistungen zu gewähren, und bei der Arbeitslosenversicherung darüber, den Beitragssatz zu senken.