Vor einer Weile stand in der Bild-Zeitung, im sogenannten Scharia-Report, dass 30 Prozent aller arabischstämmigen Männer in Berlin-Neukölln zwei Frauen haben. Fast jeder dritte? Wow, das ist viel, dachten wir in der Redaktion. In Neukölln leben laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 4.893 arabische Männer. Ich bin einer von ihnen. Rund 1.500 von uns arabischen Berlinern betreiben also Vielweiberei? Seltsam, ich kenne keinen einzigen Polygamisten. Wo sind die alle?

Im Pressearchiv stoße ich auf einen Text in der Berliner Zeitung, Juni 2016. Auch dort lese ich, dass ein Neuköllner Familienhelfer vier Jahre zuvor "geschätzt" habe, dass 30 Prozent aller arabischstämmigen Männer in Berlin mit zwei Frauen verheiratet seien. Dieselbe Zahl verwendeten damals auch der Spiegel, die Welt und RTL. Sie müssen doch zu finden sein!

Der "Scharia-Report", "Bild" vom 24.11.2016 © Bild-Zeitung

Auf der Berliner Sonnenallee klappere ich Hinterhof-Moscheen ab. Ich frage nach Erst-, Zweit- und Drittfrauen. Doch überall nur Kopfschütteln und Achselzucken. Irgendjemand gibt mir die Handynummer von einem gut vernetzten Imam. Er soll was wissen. Ich erreiche ihn in der U-Bahn. Geduldig hört er sich die Ergebnisse meiner Archivrecherche an. "Ich kenne nur vier Fälle, in denen arabische Männer mehr als eine Frau geheiratet haben", sagt er. "Und ich kenne viele Araber in Berlin, sehr viele sogar."

Ich lasse nicht so schnell locker und frage im Rathaus nach. Die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey, SPD, kennt das Problem der Vielehe, sagt sie – aus der salafistischen Al-Nur-Moschee. Und gegen die habe sie vor zwei Jahren einen Verbotsantrag verfasst. Dann also weiter. Ich mache mich auf den Weg zur Arbeitsagentur, frage beim Jugendamt nach, besuche Integrationsvereine, setze mich in Shisha-Bars, esse viel Falafel und kaufe sogar fast ein Kopftuch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Nach mehr als einer Woche will ich schon fast aufgeben, als ich über drei Ecken (danke an den redseligen Ingenieur, den Friseur an der Sonnenallee und meinen arabischen Pizzabäcker) schließlich Ismail treffe. Er heißt eigentlich anders, seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen.

Es ist früher Abend. Mit seinem Bierbauch lehnt er in einer Seitenstraße an einem Baugerüst. In der einen Hand hält er einen glühenden Zigarettenstummel, in der anderen ein Smartphone. Das Licht des Bildschirms leuchtet sein Gesicht aus: knubbelige Nase, dicker Schnurrbart. Ismail hat sich mit seiner Ehefrau zerstritten – schon wieder. Es ging um die Höhe des Haushaltsgelds, dann wurden beide lauter, die Kinder heulten, mehr verrät er nicht.

"Ich sollte heute vielleicht nicht zu ihr gehen", sagt er.

"Und wo willst du dann übernachten, Ismail?", frage ich.

"Bei meiner anderen Frau!"