Wer kürzlich in einem Indie-Club war und sich über die gähnende Leere wunderte, weiß: Der Gitarrensound steckt in der Krise. Gott sei Dank gibt es diese vier Jungs aus Oberösterreich, die das Zeug dazu haben, den spießigen Indie-Pop aus seinem Schlummerschlaf zu wecken und zurück in die Säle der Großstadtdiscos zu holen. Unter Kennern ist diese Band, die wegen ihrer optischen Überpräsenz den passenden Namen Bilderbuch trägt, lange kein Geheimtipp mehr: Schon das letzte Album Schick Schock sorgte für Verzückung. Jetzt erscheint die vierte Platte, die so klingt wie eine vorrevolutionäre Ankündigung in neongelben Skinny Jeans. Sie heißt Magic Life und könnte die Musiker aus der alpinen Provinz endlich zu jenem Ruhm führen, den sie seit ihren Anfängen verdienen. Zu Weltruhm also.

Das Besondere an dieser Musik ist ihre Fähigkeit, zwischen selbstverliebtem Exzess und postironischem Witz sattelfest zu balancieren. Dem neuen Album sind die Genre-Grenzen so wichtig wie einem Sprayer ein gültiges Ticket im U-Bahn-System. Die Botschaft ist klar: Nur der Knalleffekt zählt. Und an der Spitze dieser klugen Effekthascherei überzeugt der bunt drapierte Sänger Maurice (Nachname, ganz ohne Ironie: Ernst) und überrascht mit den kuriosesten Wortschöpfungen seit Dada. Sinn im Text? Völlig egal. Wichtig ist der Beat.

Paradigmatisch dafür steht der Song Sneakers4free. Er beginnt noch als kleine, rhythmische Soul-Nummer, beißt sich dann in einem Synthesizersolo fest, um ganz zum Schluss in einen postkapitalistischen Gospelsong umzuschlagen und sich in sloganhaften Heilsversprechen zu ergießen: "Sneakers for free?" Halleluja ja!, will man im Geist der Sharing-Economy zurückschreien. Das tut schon ein Chor für uns: Auf die Feststellung "Ich kann nicht leben ohne free drinks!" folgt die erfinderische Antwort "Frinks!", die das kollektive Klatschen in der Kirche ersetzt. Auch in Songs wie I <3 Stress werden Selbstoptimierung und Eigenvermarktung nicht oberlehrerhaft kritisiert, sondern schrill bejaht – als wäre überzeichnete Anpassung die letzte mögliche Form des Protests.

Es hat etwas Ekstatisches, wenn Bilderbuch aus grenzdebilen Worthülsen pseudoreligiöse Erfahrungen zaubern. Im künstlerischen Akt werden die banalsten Beobachtungen mit einem heiligen Ernst aufgeladen, der bei genauer Betrachtung die Realität nicht veräppelt, sondern imitiert. Das heißt: Aus Blödsinn wird Sinn, wenn die Inszenierung stimmt. Und bei Bilderbuch stimmt sie so sehr, dass es knallt. Der Höhepunkt ist die selbstironische Single Bungalow und das dazugehörige Video, das derart gut gemacht ist, dass es einen Filmpreis verdient: Darin rekelt sich der Sänger Maurice topless und brusthaarpotent um eine Pole-Dance-Stange, um kurz danach mit einem Miezekätzchen um die Gunst der Zuschauer zu buhlen und dabei so herrlich absurde Texte zu singen, dass es wehtut: "Baby, leih mir dein’n Lader / Ich brauch’ Power für mein’n Akku. / Wir trinken Soda, trinken Soda / Komm vorbei mit deinem Škoda." Das ist nicht nur wahnsinnig erotisch, sondern auch die höchste Form sprachlicher Sinnbefreiung seit der Erfindung von Trump.