"Staatliche Akteure im Informationskrieg haben langfristige Absichten, müssen aber agil und opportunistisch handeln", sagt Kostopoulos. "Sie nehmen Gelegenheiten wahr. Sie haben ein organisatorisches Zentrum und große finanzielle Ressourcen, aber sie arbeiten oft in einem lockeren Verbund, mit Subunternehmern, Freelancern und Hackergruppen." Der Informationskrieg sei eine "battle of creativity", eine Auseinandersetzung, in der Einfallsreichtum entscheidend sei. Oft müsse man schnell auf Situationen reagieren.

In der alten Welt verschob der Verteidigungsminister im Ernstfall eine Division an eine Grenze oder ließ einen Flottenverband auslaufen. Abschreckung im Informationskrieg ist viel schwieriger. Noch schwieriger ist es, auf Angriffe vorbereitet zu sein. Das gilt besonders bei einer Lügenattacke. Um bewusst verbreitete Falschmeldungen, mit denen Bürger manipuliert werden sollen.

Zeitungsenten hat es immer schon gegeben, und Journalisten waren nie fehlerfrei. Aber Fake-News sind etwas anderes – und viel gefährlicher: Es sind erfundene Meldungen, die gezielt die Funktionslogik der sozialen Netzwerke ausnutzen. Jeder Nutzer kann sich dort zu jeder Zeit empören. Bestimmte Reizthemen lassen sich mühelos instrumentalisieren: die Furcht vor Überfremdung; der Missbrauch von Macht; die Frage von Krieg und Frieden.

Im Kanzleramt und in den Parteizentralen lösen Fake-News größte Sorgen aus. Wenn etwas den Wahlkampf negativ beeinflussen werde, dann am ehesten absichtlich gestreute Falschmeldungen. Denn eine Gesellschaft, in der sich Menschen vor allem über Medien informieren und so ihre politische Meinung bilden, ist bedroht, wenn sich Lügen ausbreiten. Wenn nicht mehr klar ist, was falsch ist und was noch stimmt, dann verlieren Menschen ihr Vertrauen in den Staat. Trifft zu, was sie mir im Fernsehen erzählen? Was ich in der Zeitung lese? Was ich im Netz gehört habe? Misstrauen ist das Gift, das jede Gesellschaft zersetzt. Mithilfe von Fake-News wird dieses Gift in kleinen Dosen injiziert.

Konstantin Knyrik, der von der Krim aus die Falschmeldungen der Agentur NewsFront steuert, sagt, dass täglich 20.000 Menschen in Deutschland die Nachrichten auf seiner Website läsen. Hinzu kämen diverse Partnerwebsites und die vielen Leser, die auf Facebook oder YouTube die Inhalte von NewsFront sähen. Allein auf der Videoplattform YouTube würden NewsFront-Beiträge – viele davon für ein Publikum auf der Krim und in der Ostukraine – pro Tag rund 600.000-mal aufgerufen.

NewsFront gehört zu einem Netzwerk prorussischer Internetseiten, es ist vergleichbar mit RT (früher Russia Today) und Sputnik, die direkt vom Kreml finanziert und gesteuert werden. NewsFront, RT und Sputnik kooperieren und tauschen Inhalte aus. So veröffentlicht NewsFront Artikel, die auf Sputnik erschienen sind. RT bezieht sich auf Experten, die NewsFront interviewt hat. Die Zusammenarbeit ist strategisch gewollt. Denn so hat man gleich mehrere Quellen, selbst für Erfundenes. Und was mehr als eine Quelle hat, erscheint glaubwürdiger.

Seit vergangener Woche muss sich die Bundeswehr mit der absurden Behauptung auseinandersetzen, deutsche Soldaten hätten bei einem Nato-Einsatz in Litauen ein minderjähriges Mädchen vergewaltigt. Angeblich hat die Nato auch 3.600 Panzer gegen Russland in Stellung gebracht.

Im Januar hieß es, 700.000 Deutsche hätten ihre Heimat verlassen, weil sie Merkels Flüchtlingspolitik nicht mehr ertragen hätten. Nach Silvester kursierte die Falschmeldung, 1.000 Einwanderer hätten eine Kirche in Dortmund angezündet. Nichts davon stimmt. Und seit mehr als einem Jahr verbreitet sich in den sozialen Netzwerken das Selfie eines syrischen Flüchtlings mit Angela Merkel, verbunden mit der Lüge, hier sei Merkel mit einem Attentäter des IS zu sehen. Zwar hat der Flüchtling inzwischen gegen Facebook geklagt, auch sind die ursprünglichen Fotomontagen gelöscht. Bei nicht wenigen Menschen wird jedoch das Bild hängen bleiben: Angela Merkel posierte mit einem Terroristen.

Die beliebteste Falschmeldung war ein Video, das Merkel als geisteskrank darstellte

Wenn so etwas schon lange vor der Wahl geschieht, wie wird es dann erst in den entscheidenden Wochen? In der Regierung und in den Parteizentralen, dort, wo man die Wucht der Lügen fürchtet, sind die Wahlkampfplaner weitgehend ratlos. Wie soll man sich wehren gegen Falschnachrichten, die im Gewand von Enthüllungsgeschichten daherkommen? Die sich in Höchstgeschwindigkeit im Netz verbreiten? Alle Parteien haben sogenannte Rapid Response Teams gebildet: Mitarbeiter in den Wahlkampfzentralen, die ständig die Diskussion in den sozialen Netzwerken beobachten – und notfalls schnell eigene Kommentare oder Zahlen posten. "Aber dem Tempo, der Wucht und der kriminellen Energie der Angreifer haben wir in Wahrheit wenig entgegenzusetzen", sagt ein erfahrener Wahlkämpfer. Die Dynamik des Netzes gegen die Behäbigkeit des Apparats – ein ungleicher Kampf mit deutlichen Vorteilen für den Aggressor.

In der Endphase des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs wurden die 20 erfolgreichsten Falschmeldungen öfter geteilt, gelikt und kommentiert als die 20 erfolgreichsten Berichte seriöser Medien, hat das Onlineportal BuzzFeed ermittelt. Zwar herrschen in Deutschland noch keine amerikanischen Verhältnisse. Aber auch hierzulande zeigt sich eine verheerende Resonanz auf die gezielt gestreuten Lügen. In den öffentlich einsehbaren Facebook-Posts "sind unter den zehn populärsten Links zu Nachrichtenartikeln fünf Quellen von Fake-News und rechtspopulistischen Webseiten", sagt Johannes Hillje. Er hat im Jahr 2014 den Wahlkampf der europäischen Grünen organisiert, heute berät er Politiker und Parteien beim richtigen Umgang mit falschen Nachrichten. "Die beliebteste Falschnachricht im vergangenen Jahr war ein Video des rechtspopulistischen Senders Rebel News aus Kanada, in dem die Bundeskanzlerin als geisteskrank dargestellt wird", sagt Hillje. "Auf YouTube hatte dieses Video fast 1,3 Millionen Aufrufe."