Es ist diese Rhetorik, die die Neue Rechte aufpeitscht. Aber die Burschenschafter, wie man sie im Gotenhaus trifft, sind keine Nazis. Keine plumpen Faschisten, die das "Dritte Reich" glorifizieren, und keine Jungs mit Baseballschlägern und Springerstiefeln. Sie bilden vielmehr eine eigentümliche Allianz aus sentimentalen Jungkonservativen, Berufsoppositionellen und Konvertiten aus dem grün-bürgerlichen Milieu. Es sind junge Männer auf der Suche nach Zusammenhalt und Zugehörigkeit, die in der alten Idee von Nation und Volk die beste Antwort auf die neuen Herausforderungen der Postmoderne zu finden glauben. Ihr Posterboy ist nicht Adolf Hitler – sondern es sind die Helden der Konservativen Revolution: Stefan George, Carl Schmitt.

Jetzt bekennen die Jungs Farbe, beim zweiten Bier. Wo stehen sie, politisch? "Rechtspopulistisch sind wir sicher nicht", meint Sobolewski. "Wir legen keinen Wert darauf, was die Mehrheit der Gesellschaft denkt. Konservativ sind wir auch nicht, denn das ist langweilig. Reaktionär aber auch nicht, weil Burschenschaften immer revolutionär waren." Was denn nun? "Ich verstehe mich als freiheitlich-national", sagt Martin. "Revolutionäre Rechte", bietet Sobolewski an.

"Wenn der Begriff nicht so vorbelastet wäre und man nicht sofort an Skinheads denken würde, könnte man sagen: rechtsradikal."

Der Mann, von dem man sagt, er könne die Identitätsfrage der rechten Burschenschaften besser diskutieren als alle anderen, heißt Philip Stein. Stein, 25, hat Geschichtswissenschaft, Philosophie und Germanistik in Marburg studiert, war dort auch Burschenschafter, lebt aber seit Kurzem in Dresden und vertreibt Übersetzungen neurechter französischer Autoren. Pierre Drieu la Rochelle, Dominique Venner. Außerdem ist Stein der Pressesprecher der Deutschen Burschenschaft. Auch er hadert am Telefon, befragt nach seiner politischen Richtung. Dann sagt er: "Wenn der Begriff nicht so vorbelastet wäre und man nicht sofort an Skinheads denken würde, könnte man sagen: rechtsradikal. Denn faktisch sind das ja radikale rechte Positionen, die wir einnehmen."

© Jörg Brüggemann für DIE ZEIT

Stein versteht sich als glühender Europäer, aber er bewegt sich als Leiter der Organisation "Ein Prozent" tief im rechtsradikalen Milieu. Ein Prozent ist ein Agitationsverein, der rechtsradikale Strukturen jenseits der Naziszene verknüpfen will. Gegründet und betrieben wird er von dem selbst ernannten Vordenker der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, und dem früher linksradikalen Journalisten Jürgen Elsässer, der heute das Magazin Compact betreibt. Ein Prozent ist der Ort, an dem die neuen Rechtsradikalen zusammenkommen: der oft sehr aufgebracht agitierende Elsässer, der sich eher intellektuell gebende Kubitschek – und rechte Burschenschaften wie die von Philip Stein und Jörg Sobolewski mit ihren Verbindungen zur AfD.

Dass die Burschenschaften die Rolle einer Nachwuchsakademie einnehmen, erklärt Philip Stein freimütig. Oder wie Jörg Sobolewski es formuliert: "Niemand kann so gut organisieren wie Burschenschafter. Parteitage, Bildungsseminare, Mehrheiten – geben Sie uns einen Tag Zeit, und das ist gemacht." So ein Satz belächelt sich leicht, hier im Partyraum der Gothia, mit dem ollen Fechtboden und den Weltkriegswimpeln. Doch Orte wie das Gotenhaus haben sich längst als Kaderschmieden neu erfunden, für gebildete, wortgewandte, organisationsmächtige und gleichzeitig radikal rechte Politiker. Sie sind wichtige Knotenpunkte im gerade entstehenden rechtsradikalen Netzwerk zwischen AfD und Identitärer Bewegung.

Sobolewski muss jetzt los, eilig werden im Hausflur noch die wichtigen Dinge besprochen: Ordnung, Homogenität, alte Werte, Kleinstaaterei in einem unbürokratischen Europa. Ist das nicht retromelancholische Fiktion? Sobolewski stutzt. "Aber ich bin Romantiker!", ruft er und zuckt entschuldigend mit den Achseln. Beim Abschied empfiehlt er noch die Dönerbude am S-Bahnhof Zehlendorf. Aus dem Radio im Barraum scheppert in diesem Moment lateinamerikanischer Dancepop: "Yo soy Americano."

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