Wenn die Demokratie gefährdet ist, müssen die Universitäten viel politischer werden.

In einer Zeit, da die Verachtung der Wissenschaft in höchsten amerikanischen Regierungskreisen salonfähig wird, da mit "alternativen Fakten" Stimmung und Politik gemacht wird – wo bleibt da eigentlich der Aufschrei der Wissenschaft? In Amerika gehen die Professoren auf die Straße; ihre deutschen Kollegen hört man hierzulande noch nicht. Dabei hätten auch sie allen Grund zum unüberhörbaren Protest. Rechtspopulisten machen sich über Experten lustig, in den sozialen Medien werden Tatsachen verdreht. So politisch wie heute war die Welt lange nicht.

Doch die deutschen Professoren fühlen sich von der rasenden Wirklichkeit um sie herum vor allem in ihrer Arbeit gestört. In diesen Wochen, in denen die Deutungsbedürftigkeit der Welt stündlich wächst, schreiben etwa Literaturprofessoren Feuilletons und Blogs voll. Sie streiten mit Wortgewalt, beschäftigen sich dabei aber nur mit sich selbst: mit der Selbsterhaltung der Germanistik, eines riesigen Fachs, das in der Öffentlichkeit seit Jahren keine große Rolle spielt. Als müssten sich die Forscher nicht damit auseinandersetzen, was die Welt wissen kann, tun soll, hoffen darf; als sei es nicht eine Sache des Worts, wenn Populisten die Freiheit beschädigen oder Forschungsergebnisse zu Glaubensfragen degradieren.

Wollen die Universitäten auf Dauer in ihrer randständigen Echokammer bleiben?

Wenn Professoren in eigener Sache redselig sind, in den großen Sachen aber sprechunfähig, ist das dramatisch. Dieses Politikdefizit ist das Signum der Krise, in der sich Teile der academia befinden: einer Krise der Klugen. Sie entzündet sich an der Frage, ob Universitäten in ihrer randständigen Echokammer bleiben oder Zentren gesellschaftlicher Vergewisserung werden wollen.

Doch nicht allein die Germanisten bleiben am liebsten unter sich. Der Chef der Gesellschaft für Politikwissenschaft warf seinen Fachkollegen vor, sie lehnten in ihrer Arbeit gesellschaftliche Relevanz ab. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft attestierte Hochschulleitungen "schwaches konzeptionelles Selbstbewusstsein".

Und auch die Studenten sind von der Krise befallen; früher besetzten sie Hörsäle, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, heute geht es oft um viel kleinere Fragen. Europa fällt auseinander? Is’ doch egal.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Dabei ist die Krise der Klugen umso unbegreiflicher, als die Universitäten eine größere gesellschaftliche Rolle spielen könnten – und auch müssten. Mit 2,8 Millionen Studenten bilden sie heute so viele junge Menschen aus wie nie zuvor. Hochschullehrer ist einer der wichtigsten Berufe unserer Wissensgesellschaft. Viele Hochschulen haben es sogar zu ihrer nach Forschung und Lehre "dritten Mission" gemacht, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Aber selbst wenn bei Ringvorlesungen und Debatten in Seminaren überall Wirklichkeit stattfindet, gelangt das doch kaum an die Öffentlichkeit. Das große Potenzial der Universitäten, wieder ein Zentrum der politischen Debatte zu werden, wird zu wenig genutzt.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Hochschulen gewaltig unter Druck stehen, und zwar von zwei Seiten. Erstens dehnen sich die Hochschulen durch inneren Druck aus. 18.000 Studiengänge gibt es nun, kaum einer weiß, warum und zu welchem Zweck. Professoren spezialisieren sich immer weiter und machen dadurch ihre Diskursräume enger. Und die, die über die großen Dinge nachdenken – und die gibt es! –, wagen sich nicht aus der Peripherie hervor; ein Fernsehauftritt vor fünf Millionen Zuschauern ist unter manchen Kollegen immer noch anrüchiger als ein Fachaufsatz für fünf Leser.

Zweitens stellt die Beschleunigung der Welt den Kanon der westlichen Universität infrage. Wer bislang stolz war, die Generationenfolge der Buddenbrooks auswendig zu können, muss verunsichert sein, wenn sich Bildung dekanonisiert und man ohne Kenntnis arabischer Schriftsteller, asiatischer Philosophen und amerikanischer Programmiersprachen die Welt nicht mehr versteht.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften müssen sich entscheiden: Sie könnten es machen wie diejenigen Kunsttheoretiker, die sich am Eigenwert des Ästhetischen festklammern, Hauptsache, die Kunst ist schön, politisch muss sie nicht sein. Sie könnten aber auch versuchen, sich dem großen Wandel zu stellen: mit einer Universität, die sich vor der Politik nicht drückt, mit Professoren und Studenten, die sich etwas trauen, die rausgehen, erklären, sich streiten. Dann bilden sie nicht nur die Wirklichkeit ab. Sondern werden zu Stimmen, die in einer Gesellschaft zu Recht Gehör finden.

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