DIE ZEIT: Werden Sie bei den Präsidentschaftswahlen wählen gehen? Die meisten jungen französischen Wähler sind keineswegs entschlossen.

Édouard Louis: Natürlich. (zögert) Ich gehe wählen. Ich bin von den Politikern, für die ich gestimmt habe, zwar immer enttäuscht, und ich weiß, dass die Linke in Frankreich den Wahlen traditionell verächtlich gegenübersteht, weil demokratische Wahlen einen, wie Jean-Paul Sartre es klassisch gesagt hat, nur in die Idiotenfalle locken, trotzdem beherrscht zu werden. Aber ich gehe wählen. Ich wähle Benoît Hamon, den Kandidaten der Sozialisten.

ZEIT: Und in der Stichwahl, wenn kein Sozialist mehr im Rennen ist? Wählen Sie dann auch noch?

Louis: Das wollen wir erst mal sehen, wer im zweiten Wahlgang übrig bleibt. Alles hängt von der Mobilisierung der Wähler ab.

ZEIT: Es sieht nicht gut aus für die zersplitterte Linke. Was halten Sie von dem Star des Mittelwegs, Emmanuel Macron? Er schneidet bei den Umfragen unter jungen Wählern gut ab. Sein Optimismus fasziniert viele.

Louis: Mich nicht. Er ist ein Star der Illustrierten. Er lässt das alte, katholische Frankreich aufleben. Er gehört zu denen, die das Land zur Ordnung rufen, er war Wirtschaftsminister der Regierung Hollande.

ZEIT: Macron ist ein erklärter Europäer.

Louis: Der große Soziologe Pierre Bourdieu hat als Erster benannt, dass ein Land in eine alles ansteckende Stimmung geraten kann. Und Macron ist Teil der generellen bürgerlich nationalen Stimmung, in der Xenophobie und Homophobie so normal werden wie Frauenfeindlichkeit und Populismus. In dieser Stimmung braucht ein Michel Houellebecq nur ein grob islamfeindliches Buch zu schreiben, schon steht er damit auf den Titelseiten. Diese Stimmung wird von rechten Ideologen offensiv befeuert. Sie hat alles infiziert. Diese Leute wollen keine Fremdsprachen auf französischen Straßen hören, sie wollen keine Araber in der Öffentlichkeit sehen, sie ertragen Kopftücher nicht und schon gar nicht die Burka. Macron bedient diese Stimmung.

ZEIT: Mit ähnlichen Argumenten wie Ihren haben die amerikanischen Wähler befunden, Hillary Clinton sei keine bessere Alternative. Das Ergebnis trampelt nun der Welt auf den Nerven herum.

Louis: Keine Sorge, Marine Le Pen muss verhindert werden, und dafür werde ich im Mai meine Stimme abgeben, egal, wer der Gegenkandidat ist. Aber mir geht es um den politischen Diskurs.

ZEIT: Also mal jenseits der Strategie: Welches ist Ihr politischer Grund, wählen zu gehen?

Louis: Ich möchte, dass die Gewalt in der Welt abnimmt. Politik ist in meiner biografischen Erfahrung keine Frage von Meinungen, von Worten, von Kommunikation, die im Ergebnis die Lebensverhältnisse der Privilegierten schützen. Ich komme aus dem Lumpenproletariat, um es mit Marx zu sagen. In dem Dorf in der deindustrialisierten Picardie, über das ich meinen ersten Roman Das Ende von Eddy geschrieben habe, herrschten Arbeitslosigkeit, Elend, Alkohol, Gewalt, eine brutale Männlichkeit. In diesem Milieu, aus dem auch Bourdieu stammt, ist Politik eine Frage von Leben und Tod. Man spürt sie am lebendigen Leibe: in der medizinischen Versorgung, beim Essen, im sexuellen Alltag. Die politischen Fragen heißen: Gehe ich zum Arzt, wenn ich krank bin? Gibt es heute Abend etwas zu essen? Kann ich sexueller Gewalt entkommen? Mein Vater ist zum ersten Mal in seinem Leben zum Zahnarzt gegangen, als ich 14 Jahre alt war, weil der Staat eine Beihilfe geschaffen hatte. Es gab Tage in meiner Kindheit, da hat meine Mutter gesagt: "Heute gibt es zum Essen nur Milch." Ich gehe wählen, damit die körperliche Not und Gewalt aufhört. Das Wahlrecht ist für mich dabei ein politisches Instrument unter vielen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

ZEIT: Warum gehen dann so viele andere junge Wähler, ob nun in Frankreich oder zuletzt in Großbritannien, nicht wählen?

Louis: Die unangenehme Wahrheit lautet: Als Simone de Beauvoir den Kampf für die Frauen aufnahm, hat das eine große Mehrheit der Frauen nicht interessiert. Heute sehen viele die strukturelle Gewalt nicht, die noch meine Mutter dazu gebracht hat, mit 15 Jahren von der Schule abzugehen, angeblich weil sie es aus freien Stücken so wollte. Diese Gewalt ist unsichtbar, sie tritt als Normalität auf, deshalb kämpfen die Leute nicht.

ZEIT: In dem Manifest, das Sie unlängst mit Geoffroy de Lagasnerie verfasst haben, um die Linke zu mobilisieren, heißt es: "Unsere Generation lebt im Chaos und in Albträumen. Wir haben einen Tiefpunkt erreicht." Was genau ist gemeint?

Louis: Die junge Generation lebt mit einem alles beherrschenden Gefühl der Ohnmacht. Sie hat in den letzten Jahren jeden Kampf verloren, ob in den sozialen Bewegungen wie Nuit debout und Occupy oder im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus. Immer wieder erzählen mir Studenten von ihrer Traurigkeit darüber, dass sich ohnehin nichts ändert. Diese Generation verabscheut die Politik.