Am Mittwoch vergangener Woche war es wieder so weit: Zum vierten Mal kamen Tickets für Konzerte in der Elbphilharmonie in den Verkauf. Von elf Uhr an konnten wir die Konzerte des "Elbphilharmonie Sommers" buchen. Oder besser gesagt: hätten buchen können. Wären wir nur an der virtuellen Warteschlange vorbeigekommen. "Noch 11.824 Kunden vor Ihnen", mit solchen Nachrichten vertröstete der Server die Wartenden – und als die Zahl dann auf 994 abgeschmolzen war, da hieß es: "Leider ausverkauft". Wieder keine Karte bekommen. Manche erzählen gequält, sie hätten bereits Karten in ihren virtuellen Warenkorb gelegt – und dann aber so lange auf den Bezahlvorgang warten müssen, dass die Tickets wieder verschwanden.

Das Schlimmste ist: Auch wenn es sich für jeden Einzelnen von uns, die wir leer ausgegangen sind, angefühlt haben mag, als habe ein überlasteter oder falsch programmierter Server uns davon abgehalten, endlich an der richtigen Stelle klick zu machen – es gibt keine Lösung für das Problem. Das Problem heißt nämlich: zu große Nachfrage. "Mit viel Aufwand könnten wir den Server noch mal schneller machen", sagt Elphi-Sprecher Tom R. Schulz. "Aber dann wären die Karten wahrscheinlich nur noch schneller weg."

Sind vielleicht die Reiseveranstalter schuld? Ja, es stimmt: Ein Viertel der Sommerfestival-Tickets ist in Touristik-Kontingente gegangen – damit kommt aber nur ein Bruchteil der Reiseveranstalter zum Zuge, die der Elbphilharmonie seit Jahren die Bude einrennen. "Die müssen ja auch die Gelegenheit bekommen, Tickets zu kaufen", argumentiert Schulz. Und außerdem seien diese Kontingente ebenfalls in Windeseile ausverkauft gewesen. Die Nachfrage bei den Kollegen von ZEIT REISEN ergibt: Sämtliche Hamburg-Reiseangebote, in denen ein Elphi-Ticket Bestandteil war, waren in wenigen Stunden ausgebucht.


Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Bleibt der Schwarzmarkt: Auf eBay gibt es noch zwei Tickets für Lang Lang im März, für 1.690 Euro sind zwei "absolute Top-plätze!!!" zu haben – das ist mehr als das Fünffache des Originalpreises. Generell scheint der Schwarzmarkt aber kein großes Problem zu sein. Nicht mal 200 Tickets für Elphi-Konzerte kursieren auf eBay – bei 500.000 verkauften Karten in der laufenden Spielzeit sind das eher Peanuts.

Sprich: Es bringt wenig, auf den Server, die Schwarzhändler oder die Touristenbusse zu schimpfen. Es ist Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, was der Run auf die Elbphilharmonie-Karten in Sachen kultureller Gerechtigkeit bedeutet. Aus der Sicht des Fans ist die Sache nämlich ganz klar: Es kommen die Falschen an Tickets. Statt dass wir zu Rufus Wainwright gehen, wir, die es verdient haben, weil wir seit Jahr und Tag jeden Ton des New Yorker Sängers verfolgen, werden jetzt Onkel Klaus und Tante Agnetha im Saal sitzen und sich fragen, warum der Herr am Klavier eigentlich die Töne beim Singen immer so zerdehnt.

Noch absurder wird die Angelegenheit, wenn es um Konzerte geht, die vor allem die Communitys interessieren, aus denen die Musiker kommen. Die kurdische Sängerin Aynur etwa – dem Arthouse-Publikum vielleicht noch durch ihren Auftritt in Fatih Akins Dokumentarfilm Crossing the Bridge bekannt – hat bislang unter anderem in der Fabrik gespielt, zu den Konzerten kam überwiegend kurdisches und türkischstämmiges Publikum. Jetzt müssen sich die kurdischen Fans gegen Zehntausende Online-Ticketjäger durchsetzen, die aus Elphi-Schaulust mitklicken. "Es kommt schon vor, dass Leute einfach blind kaufen, das ist der Attraktivität dieses Hauses geschuldet", gibt der Sprecher zu.