Anne Hähnig

Angenommen, ich würde morgen sterben und mir erschiene ein helles Licht am Ende eines dunklen Tunnels, und angenommen, dort stünde ein langhaariger Mann, der sagte: "Herzlich willkommen, Anne, ich bin Jesus und dies ist das Paradies!" Dann würde ich wahrscheinlich denken: Na, das wollen wir doch erst mal sehen.

Protestantisch an mir ist, dass ich so skeptisch bin. Vor allem gegenüber Leuten, die Großes versprechen.

Das hat sein Gutes. Mich kann man nicht so schnell verschaukeln, mir kann man auch nichts Überflüssiges verkaufen. Und ich glaube, für Diktatorenverehrung wäre ich auch nicht besonders anfällig.

Anne Hähnig ist Redakteurin der ZEIT im Leipziger Büro. © Wolfgang Diemer/C&W

Aber es hat auch seine Nachteile. Ich verwechsle manchmal Visionäres mit Angeberei. Nur ein winziges Beispiel: Als Steve Jobs vor zehn Jahren das erste iPhone vorstellte und schon damals den Eindruck erweckte, dass dies die Neuerfindung des Mobiltelefons sei, da dachte ich: Ach Gottchen, der macht sich aber wichtig. Damals habe ich mich getäuscht, und zwar wegen dieses alten Reflexes: Ich misstraue Menschen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie von einer Sache oder nicht doch eher von sich selbst begeistert sind.

Nur ist es nicht so, dass ich mich für Revolutionäres gar nicht begeistern könnte. Protestanten haben ja auch schon Revolutionen gemacht, zuletzt die von 1989. Aber wenn man in Ostdeutschland 20 Leute fragt, welches Gesicht sie mit der friedlichen Revolution verbinden, dann wird man 20 verschiedene Antworten bekommen. Es gibt nicht den einen Revolutionär von damals, es gibt nicht mal die wichtigsten zehn. Es gibt viele, und ich denke, das hat auch etwas damit zu tun, dass es den meisten Protestanten einfach unangenehm ist, sich als charismatische Anführer an die Spitze einer Bewegung zu stellen. Das heißt nicht, dass sie ein Problem hätten mit Macht oder gar mit Mächtigen – nur mit denen, die sich etwas darauf einbilden.

Evelyn Finger

Evelyn Finger leitet das Ressort Glauben und Zweifeln der ZEIT. © Wolfgang Diemer/C&W

Komische Frage: Warum ich protestantisch bin? Ganz einfach, weil ich aus dem protestantischen Kernland stamme. Geboren in Halle, also zwischen der Lutherstadt Eisleben und der Lutherstadt Wittenberg. Dort war die Wahrscheinlichkeit nun einmal hoch, in einer Martin-Luther-Kirche getauft zu werden und später dann an der Martin-Luther-Universität zu studieren. In meinem Germanistikstudium war es übrigens noch normal, dass man die Predigten Martin Luthers ebenso las wie die Predigten Meister Eckharts. Das Konfessionelle interessierte dabei nicht, sondern das Kulturelle, also die Art des christlichen Sprechens und Denkens. Beide, der Augustinermönch des 16. Jahrhunderts wie der Dominikanermönch des 13. Jahrhunderts, waren große Geister; sie hatten zu ihrer Zeit Neues, Provozierendes über den Glauben gedacht. Meister Eckharts schönster Gedanke: dass der "Seelengrund" des Menschen göttlich, aber ungeschaffen sei. Luthers schönster Gedanke: dass der Mensch nicht durch sein Tun, sondern durch Gottes Gnade erlöst sei.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Wo waren wir stehen geblieben? Ach, Konfessionen. Da müsste mir herkunftsbedingt der romantische Dichter Novalis (mit seiner pietistisch angehauchten Transzendentalphilosophie) besser gefallen als der romantische Dichter Brentano (mit seiner Rückkehr vom Pietismus zum Erzkatholizismus). Da müsste ich mich in Hannover heimischer fühlen als in Rom, in Hamburg mehr zu Hause als in München. Da müsste ich mich mit Freunden, die evangelische Pfarrer sind, besser verstehen als mit befreundeten Jesuiten. So simpel ist Christentum nun nicht. Jaja: die theologischen Unterschiede, das andere Amtsverständnis, der Pflichtzölibat, die Frauenordination. Es fällt mir trotzdem schwer, in konfessionalistischen Kategorien zu denken oder gar die Welt danach einzuteilen.

Als Ende der 1980er-Jahre in den Kirchen meiner Heimat die friedliche Revolution anbrach, hat kein Mensch nach der Kirchenzugehörigkeit gefragt, nicht mal nach dem Taufschein. Es ging um einen gewaltlosen Weg in die Freiheit. War das protestantisch? Oder christlich? Oder einfach menschenfreundlich? Es war eines jener konfessionsübergreifenden Wunder, an die man auch heute glauben kann.

Anna v. Münchausen

Wenn ich ehrlich bin, hat die evangelische Kirche eine Menge unternommen, um mich zu vertreiben. Als Erstes half dabei meine gute Mutter. Täglich hielt sie für alle eine Hausandacht – Choral mit Klavierbegleitung, Bibellesung, Luthers Morgensegen. Nur sonntags nicht. Sonntags wurde in die Kirche gegangen. Was Mutter nicht erkannte: Dauerbeschallung weckt Überdruss.

Für eine solche Mutter bricht eine Welt zusammen, wenn ihre rebellische 16-Jährige bei der Leitung des evangelischen Mädcheninternats erreicht, dass die morgendliche Kapellenandacht abgeschafft wird. Ein Triumph.

Anna von Münchhausen ist die Textchefin der ZEIT. © Wolfgang Diemer/C&W

Irgendwann musste ich erkennen, dass die Rebellion ihre eigenen Triumphe auffrisst. Dass aus mir doch noch eine – absolut durchschnittliche – Protestantin geworden ist, dafür gibt es zweierlei Begründungen. Erst waren es nur die Kantaten und Oratorien von Johann Sebastian Bach. Denn diese Musik spricht eine Ebene an, die von der Sündenangst zum Vertrauen auf Gottes Gegenwart findet. Später kam das "Sola gratia" aus der Rechtfertigungslehre hinzu. Die Erkenntnis, dass ich als fehlsames, ichsüchtiges, scheiterndes Wesen von Gott angenommen werde, allein aus Gnade, wurde für meine Existenz ein überzeugendes, unabweisbares Fundament. Katholische Dogmen wie die Wandlung, Reliquienverehrung und die Legitimation des männlich besetzten Priesteramtes hingegen wecken immer noch eine rebellische Ader in mir. Davon unberührt bleibt, wie sehr mich erfasst, wenn in einer katholischen Messe das Gebet der Gläubigen gesprochen wird. "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund."