"Wäre heute nicht ausverkauft, wäre ich nicht gekommen", schreit Haiyti ins Mikrofon und schaut in einen voll besetzten Saal. Sie meint es ernst. Das wissen ihre Fans, die im Hamburger Club Uebel & Gefährlich so eng und fiebernd beieinanderstehen, als wäre es Haiytis letztes Konzert. Es riecht nach Schweiß. Die Bässe dröhnen. Die Menschen heben im Takt die Hände, pressen sich an den Bühnenrand und bedanken sich bei ihrer exzentrischen Trap-Königin, dass sie doch noch aufgetaucht ist und sich bereit zeigt, ihre rostige Stimme an die Grenze der Verletzung zu treiben.

Es ist ein Heimspiel. Haiyti, mit bürgerlichem Namen Ronja Zschoche, um die 24 Jahre alt, kommt aus Hamburg. Die kleine, drahtige Hip-Hop-Künstlerin ist im Stadtteil Langenhorn aufgewachsen. Mutter: Taxifahrerin, Vater: verschwunden. Sie verkörpert die Bezirke der Stadt jenseits der schönen Flaniermeilen und bürgerlichen Cafés. Die Quersumme davon befindet sich jetzt im Saal: vom Spielotheken-Süchti über den Rasta-Mann bis zum türkischen Cap-Träger.

Der Auftritt steht im Kontext der Veröffentlichung der neuen EP Jango. Um es gleich vorwegzunehmen: Die fünf neuen Songs sind sperriger, dunkler und weniger eingängig geworden als die Vorläufer auf der Platte Toxic (eine Kooperation mit Kitschkrieg), deren emotionale Direktheit Haiytis aktuellen, rasant wachsenden Ruhm begründet. Den titelgebenden Song Jango etwa, der wie der Rest der EP von der Künstlergruppe Die Achse produziert wurde (aka Bazzazian und Farhot), durchziehen pulsierende Basslinien, die derart verzerrt und beschädigt daherkommen, dass sie fast verstören. Die Textzeilen dazu künden von Entfremdung und Einsamkeit: "Für mich gibt es keine friendzone / Ich fühle mich so jango", lautet der stichwortgebende Satz.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Beim Konzert fällt auf, dass die neuen Songs mehr Anlauf brauchen, bis sie das Publikum erreichen. Sie sind introvertierter und daher für die Live-Performance weniger geeignet, zumindest wenn man sie mit den schmissigen, älteren Tracks wie Ein Messer oder Zeitboy vergleicht. Wer sich aber die Mühe macht und genau hineinhört in die sensiblen, abgründigen Texte, der wird verstehen, warum sie so spröde ausgefallen sind. Sie sind Bekenntnisse intimster Grenzerfahrungen. Es geht nicht nur um Isolation und existenzielle Sinnsuche, sondern auch um das produktive Gefühl der Leere, das in Songs wie Single künstlerisch auf die Spitze getrieben wird: "Das ist meine neue Single / Ich bin single / Ich singe, besinge. / Ich bin allein auf dieser Welt."

Panik, Isolation, Abgewandtheit durchziehen die Tracks wie polternde Geister. Der Höhepunkt dieser Verletzlichkeit zeigt sich im Track Angst, in dem Haiyti so bedrohlich rappt, als müsste man sich wirklich Sorgen um sie machen: "Ich hab Angst. / Ich zieh wieder durch die Nacht. / Ich trink viel mehr als ich kann. / Marokks halten meine Hand. / Ich finde keinen Frieden, denn ich glaube an die Liebe. / Gefühle überwiegen, die Wahrheit wird zur Lüge."

Haiyti wäre aber nicht jene großartige Künstlerin, die wir kennen, wenn sie nicht auch die schlimmsten Erfahrungen mit aggressiver Feierlaune durchbrechen könnte. Daher geht der letzte, furiose Track Schampustower, aufgenommen mit dem Rapper Joey Bargeld, in die gegenteilige Richtung – nämlich ins Ekstatische. "Ich fliege in den Schampustower / Es tut nicht weh, ich mach aua, aua, aua." Als wäre alles Leid eine Frage der Auslegung. Die Konsequenz spürt man beim Konzert: Während die beiden Hip-Hop-Künstler dem besinnungslosen Eskapismus frönen, hüpfen die Menschen so besessen in die Höhe, dass man intuitiv versteht: Das beste Hilfsmittel gegen den Schmerz ist immer noch der kollektive Rausch im Club.