Ingeborg Bachmann war 32 Jahre alt, als sie den Schweizer Schriftsteller Max Frisch am 3. Juli 1958 im Pariser Café Châtelet traf. Max Frisch war 47 Jahre alt und hatte bereits eine Ehe hinter sich. Ingeborg Bachmann war der Liebling eines sehr einflussreichen literarischen Herrenclubs namens Gruppe 47 und wieder einmal an einem Tiefpunkt ihrer großen, aber unmöglichen Liebe zu Paul Celan. Beide waren für Schriftstellerverhältnisse bereits echte Stars: Frisch war im Oktober 1953 auf dem Spiegel-Titel, Bachmann im August 1954. Sie haben sich sofort ineinander verliebt.

Die Liebe hielt vier Jahre, in denen das Paar abwechselnd in Zürich und in Rom lebte. Nicht besonders gut, wie man inzwischen weiß. Bachmann versteht sich nicht auf die Minimalstandards Schweizer Häuslichkeit. Sie trinkt zu viel, sie hört spätnachts laut Aufnahmen von Maria Callas. Oft ist sie für Wochen unterwegs, sie leidet an einer Schreibkrise, seit sie im Nebenzimmer Frischs ununterbrochenes Schreibmaschinengeknatter hört. Im Sommer 1962 verliebt dieser, mittlerweile 51, sich kurzerhand um: jetzt in die 23-jährige deutsche Studentin Marianne Oellers. Ingeborg Bachmann ist am Boden zerstört. An Hans Werner Henze schreibt sie, sie habe einen "fast tödlichen Zusammenbruch" erlitten. Dass ihre junge Nachfolgerin mit Mitte dreißig dasselbe Schicksal ereilen wird, erfährt die Verzweifelte nicht mehr. Ingeborg Bachmann stirbt 1973 an den Folgen einer Brandverletzung. Ihr zwei Jahre zuvor erschienener Roman Malina endet mit dem Satz: "Es war Mord."

Während Frisch mit "Frau Oellers", wie Bachmann die Rivalin nennt, im Winter 1962 durch die USA tourt, begibt sich die Verlassene nach einem Selbstmordversuch in ein Zürcher Krankenhaus. Zehn Jahre lang wird Ingeborg Bachmann so gut wie nichts publizieren, wird von Klinik zu Klinik ziehen und an einer schweren Medikamentenabhängigkeit leiden.

Ingeborg Bachmann - Krankheit will gedeutet werden Berührende Protokolle an ihre Ärzte: Die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann hat ihre Träume nach der Trennung von Max Frisch aufgeschrieben. Iris Radisch empfiehlt "Male oscuro. Aus der Zeit der Krankheit" © Foto: Adrian Pohr/ZEIT ONLINE

"Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht", schreibt Max Frisch im Rückblick. Und das ist noch stark untertrieben. Frisch und Bachmann kommen nie mehr voneinander los. Denn diese Liebe hat nicht erst begonnen, als das Paar auf einer Pariser Parkbank die ersten Küsse tauschte. Und sie endete nicht an dem Tag, an dem Max Frisch beschloss, das Leben mit einer jungen Studentin für erträglicher zu halten als das mit der bedeutendsten Dichterin seiner Zeit. Sie lebte weiter in Frischs Mein Name sei Gantenbein und seiner Erzählung Montauk. In Bachmanns Malina und den unvollendeten Romanentwürfen des Todesarten-Zyklus. Keines dieser Bücher wird man ganz begreifen, wenn man an der Liebeskatastrophe der beiden vorbeisieht – in der wirklichkeitsfernen Überzeugung, dass nur der vakuumverpackte Text für das Verständnis von Literatur eine Rolle spiele.

So weit die Vorgeschichte. Man muss sie kennen, um eine Vorstellung davon zu haben, welche Sensation die Erstveröffentlichung der privaten Bachmann-Texte aus den Jahren nach der Trennung von Max Frisch darstellt. Sie bieten nach der Edition der Briefwechsel mit dem Komponisten Hans Werner Henze und dem Lyriker Paul Celan (der mit Max Frisch ist noch immer durch die Nachlassverwalter gesperrt) zum ersten Mal einen lebhaften Einblick in das produktive Wechselverhältnis zwischen Leiden und Schreiben im Leben der großen Bachmann. Es sind Aufzeichnungen und Traumprotokolle, die Ingeborg Bachmann in den Jahren 1963 bis 1968 für ihre Ärzte angefertigt hat. Hochbrisantes Lebensrohmaterial also, das später im Roman Malina und im vieltausendseitigen Todesarten-Zyklus, in dem es in endlosen Variationen um die Auslöschung einer Frau geht, wieder eingearbeitet wird. Nicht nur Frisch, auch die Bachmann hat schließlich "zurückgeschrieben".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

In diesen Traumprotokollen lässt sich nun mitverfolgen, wie sich das legendäre Bachmannsche Opfer-Täter-Modell zusammenfügt, zu dem nicht nur der untreue Liebhaber, sondern auch der in den Träumen immer wieder mit diesem verwechselte Vater, aber überraschenderweise auch das übermächtige Gesamtschuldsystem Mann gehören. Viele Träume handeln von Max Frisch, der "mit Marianne" oder "Frau Oellers" und einer weiteren Frau, die er inzwischen geheiratet hat, in die Wohnung kommt, sodass sich das Problem stellt, "wer wo und mit wem schlafen soll". Der Traum bietet die Lösung, die der im wahren Leben gefundenen recht nahe kommt: "Marianne und Max sollten in meinem Schlafzimmer in dem großen Bett schlafen." 

In anderen Träumen ist es der Vater, der mit der Rivalin "aus Amerika zurückkommt", wobei die Träumende der deutschen Marianne auffällig "goldblondenes Haar" verpasst, was diese in literarische Nähe zur deutschen Margarete in Celans Todesfuge rückt, deren "goldenes Haar" dort dem "aschenen Haar" des Opfers Sulamith gegenübersteht. Wenn es nach den Verbrennungen, die Ingeborg Bachmann am 25. September 1973 in ihrem Bett in Rom erlitt, und deren prophetischer Vorwegnahme im Roman Malina noch eines weiteren Beweises für die innige Dialektik zwischen Werk und Leben bedarf, wird man ihn in diesen Traumprotokollen finden.