Ein Montag in Manhattan, 26. Februar 1917. Es ist Winter, der letzte, bevor die USA in den Ersten Weltkrieg eintreten. Drei Wochen zuvor hat der deutsche Kaiser Wilhelm II. den "uneingeschränkten U-Boot-Krieg" ausgerufen und damit auch den amerikanischen Seehandel ins Visier genommen; weltweit blickt man angespannt auf den Kriegsschauplatz Europa. Die fünf Männer indes, die an diesem Tag ein Haus in der 38th Street betreten, scheinen davon gänzlich unbeeindruckt. Geschichte allerdings werden auch sie schreiben.

Die Victor Talking Machine Company, einer der großen Player der Tonträger-Industrie, hat in der 38. Straße ein Aufnahmestudio eingerichtet, einen Raum mit einem Klavier sowie einem metergroßen Metalltrichter, durch den die Schwingung von Tönen umgesetzt wird in die Bewegung einer Nadel, die Muster in eine gleichmäßig rotierende Wachsplatte ritzt. Die fünf Männer sind Musiker: Trompete, Klarinette und Posaune, Schlagzeug, einer setzt sich ans Klavier. Gemeinsam sind sie die Original Dixieland Jass Band (ODJB).

Sorgfältig probieren sie aus, wie sie sich im Raum verteilen müssen, damit in dem, was die Nadel ins Wachs ritzt, hinterher alle gut zu hören sind. Die Technik der Tonaufnahme ist damals noch lange nicht erwachsen. Thomas Edison hat sich zwar schon 1878 ein Aufnahmeverfahren mit Wachsrollen patentieren lassen, und der aus Hannover stammende jüdische US-Immigrant Emile Berliner entwickelte zehn Jahre später einen Apparat mit rotierender Wachsplatte – den Vorläufer des Grammofons. Nachbearbeiten, löschen oder einzelne Spuren und Stellen überspielen aber kann man noch nicht. Jedes Störgeräusch, jedes Klappern oder Quietschen, Husten oder Räuspern zerstört das entstehende Ganze. Also müssen die Musiker ihre Stücke immer wieder spielen, so lange, bis es schließlich von jedem eine blitzsaubere Aufnahme gibt.

Tausche S gegen Z: Eine historische Postkarte zeigt die Original Dixieland Jass Band nach ihrer Umbenennung.

Zwei Stücke werden an diesem 26. Februar aufgezeichnet: der Livery Stable Blues, ein Foxtrott, danach der Original Dixieland Jass Band One Step. Und auch wenn der Klarinettist Wilbur Steadman aus Chicago schon zwei Monate zuvor mit seinem Down Home Rag eine Aufnahme vorgelegt hat, die mit einigem philologischen Aufwand den Rang einer allerersten Jass-Platte beanspruchen könnte, sind es die fünf von der ODJB, die den Jazz als ein neues, sich von Ragtime und Blues abhebendes Genre etablieren.

Schon vor ihnen hatten Musiker das four-letter word benutzt, einen zugelaufenen Begriffsbastard mit rotlichtigen Konnotationen, dessen Etymologie wohl nie geklärt werden wird. Mal schrieb es sich jass oder auch jasz, jetzt, im Frühjahr 1917, setzt sich schnell die Schreibweise jazz durch. Und so wie 20 Jahre zuvor das automatisierte Klavier und der Noten-Offsetdruck den Aufstieg des Ragtime angetrieben haben, so wie zehn Jahre später der Rundfunk dem Swing den nötigen Wind unter die Flügel blasen wird, so ist es nun die Schallplatte, die den Jazz populär macht. Sie katapultiert die Musik in das Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Sie verschafft ihr eine Reichweite, die Gattungsbezeichnungen wie "Jazz" erst nötig macht. Und sie bietet die Möglichkeit, sich durch wiederholtes Hören und Imitieren in diese neue, improvisierte Kunst einzuüben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Die Musiker der ODJB waren in ihrer Heimat New Orleans noch keine Band. Sie galten als solide, aber keineswegs überragende Instrumentalisten. Drei von ihnen, der Kornettist Nick LaRocca, der Posaunist Eddie Edwards und der Schlagzeuger Tony Sbarbaro, stammten aus Familien sizilianischer Einwanderer, einer Bevölkerungsgruppe, die in der sozialen Pyramide weit unten angesiedelt war. Alle, auch der Pianist Henry Ragas und der Klarinettist Larry Shields, hatten in einer der Bands des weißen Schlagzeugers Papa Jack Laine gespielt, eines rührigen Musikunternehmers mit französischen Wurzeln, der seit Anfang der 1890er Jahre neben einer Brassband, die bei Straßenparaden durch New Orleans zog, bis zu vier weitere Kapellen für unterschiedliche gesellschaftliche Anlässe leitete. Ragtime und Tanz waren der gemeinsame Nenner. Keiner aus der Band konnte einen der Ehrentitel beanspruchen, die man in der Szene vergab: Nick LaRocca war kein "King", wie man die lautesten und exaltiertesten Trompeter nannte. Henry Ragas war kein "Professor", keiner dieser souveränen Pianisten, die alles schon einmal gespielt hatten.

Im März 1916 führte ein Engagement LaRocca, Ragas und Edwards nach Chicago: Hier waren Musiker gefragt, die den New-Orleans-Sound in die Stadt bringen konnten. Die Resonanz war umwerfend, die drei gründeten ihre eigene Band, holten den Schlagzeuger Sbarbaro aus New Orleans nach, und als Ende Oktober 1916 der Klarinettist Shields dazustieß, war die Original Dixieland Jass Band komplett.

Wenige Monate später, im Januar 1917, haben sie ihren ersten Auftritt in New York, im neu eröffneten Reisenweber’s Cafe am vornehmen Columbus Circle. Sofort gehen die Meinungen über die Band auseinander. Die einen empfinden die neuen Rhythmen und Tanzweisen als anstößig, genau deshalb sind die anderen umso begeisterter. Nur langweilig findet diese Musik niemand. Die Presse berichtet, Mundpropaganda sorgt für ein Übriges, und einige Tage nach dem Debüt lädt die Victor Talking Machine Company die fünf Musiker zu Aufnahmen ins Studio ein.