Nach Köln könnten Sie natürlich auch als Tourist fahren. Es ist ein Reiseziel wie Hamburg oder Berlin. Tolle Museen, Vater Rhein, die Philharmonie und viel Jazz: Sie nähmen sich ein paar Tage Zeit und wären bester Stimmung.

Aber Sie haben da ja nie hingewollt, Sie sind gestrandet. Und wer strandet, hat zunächst mal keinen guten Tag. Die Dinge laufen nicht wie geplant. Man muss die eigene Balance erst wiederfinden. Dafür eignet sich die Stadt interessanterweise auch. Denn Köln weiß, was schlechte Tage sind. Es hat einige erlebt.

Den 31. Dezember 2015 zum Beispiel, in Köln bekannt als "Silvester", im übrigen Deutschland als "Köln". Um den Ort des Getümmels zu besichtigen, müssen wir nur aus dem Bahnhof treten.

"Was für ein trister Vorplatz!", werden Sie sagen, und, durchaus enttäuscht, "Kein Nordafrikaner da!". Aber sehen Sie all die Streifenwagen? Selbst bei eisiger Kälte harren unerschrockene Polizisten aus. Sie können das Vergangene nicht ungeschehen machen, so halten sie immerhin die Erinnerung daran wach und verteilen nebenher Prospekte über Karrierechancen im öffentlichen Dienst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Der Bahnhofsvorplatz ist die Ouvertüre zu einer Symphonie des Versagens. Ihm direkt gegenüber erhebt sich grau der Kölner Dom, der nach der Grundsteinlegung im Jahr 1248 das unfertigste Bauwerk der Welt werden sollte. Jahrhundertelang klappte das gut, bis zum 15. Oktober 1880. Nach 632 Jahren plötzlich vollendet! Wie konnte das passieren? Einer unendlichen Geschichte kam die Pointe abhanden.

Sehen Sie das Gerüst da? Um die Kölner über den Verlust ihres größten Provisoriums hinwegzutrösten, wird am Dom ständig weitergebaut. Es ist ein fortdauerndes Echo seines Werdens. Er wird immer fertiger.

Deutschlands berühmtester Maler, Gerhard Richter, hat vor zehn Jahren noch ein letztes, im Krieg zerstörtes Domfenster gestalten dürfen. Er setzte keine Herrscher und keine Märtyrer darauf, wie es früher üblich war, sondern verteilte 11.263 Quadrate in 72 Farben über die Fläche, schön zufällig, wie es einer Stadt entspricht, der die Dinge einfach zustoßen.

So wirft die Welt jetzt ihr buntes Licht auf die Gläubigen wie auf die Gestrandeten: Es ist alles gar nicht so schwarz-weiß, wie man immer meint. "Das Fenster passt eher in eine Moschee", hatte beim Einbau noch der Kardinal gepoltert. "Wenn wir schon ein neues Fenster bekommen, soll es auch deutlich unseren Glauben widerspiegeln. Und nicht irgendeinen."