Es gab wohl selten eine Ausstellung, in der das Aufsichtspersonal so wichtig war wie hier. Denn die Wärterinnen und Wärter warten ja wirklich. Stunde um Stunde. Dass etwas passiert. Dass nichts passiert. Dass wir, die Besucher der Ausstellung über das Warten, kommen, dass wir endlich wieder gehen. Damit auch sie gehen können und ihre Arbeit, das Warten, endlich und erfolgreich getan ist.

So warten wir alle, dass es zu Ende geht. Dass es endlich beginnt: dieses, was wir fürchten, und jenes, was wir ersehnen. Auch wenn wir wissen, dass es keinen Anfang und kein Ende gibt. Warten heißt Geduld mit dem Nichts. "Ich sitze am Straßenhang. / Der Fahrer wechselt das Rad. / Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. / Warum sehe ich den Radwechsel / mit Ungeduld?" Bert Brecht, Der Radwechsel, 1953, Lesebuchklassiker.

Ein Thema voller Selbstwidersprüche, Unschärfen, Untiefen. Eindeutig mehrdeutig, ein Thema, das sich erst in Paradoxien und Kippfiguren so richtig entfaltet. Ein Thema für Oxymerotiker. Für Künstler.

23 Gegenwartskünstler – ein schönes Wort! – erkunden jetzt in Hamburgs Kunsthalle diese menschliche Urerfahrung, diesen alltäglichen Ausnahmezustand, den wir mal hassen (gefangen in Warteschleifen oder dem rollenden Schrott der Deutschen Bahn), mal lieben (Advent, Advent). Den wir auskosten, gar tagträumend genießen, und dem wir dann wieder mit stumpfem Blick auf flimmernde Monitore und Smartphone-Displays panisch zu entfliehen versuchen.

Darum geht es hier in den Fotoarbeiten, Videos, Installationen, Performances: um Geduld. Ums Abwarten, Erwarten, ums Hoffen und Bangen. Um Seligkeit und Folterqual. Um das Warten der Jugend auf das Leben und das Warten des Alters auf den Tod. Um den Witz und den Schrecken, die der Müßiggang gebiert. Um Herrschaft und Unterwerfung. Um das Geld, mit dem wir uns vom Warten freikaufen, letztlich: um die Zeit selbst, die Endlichkeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Zwischen Macht und Möglichkeit heißt der Untertitel der anregend beunruhigenden Schau, die Brigitte Kölle kuratiert hat, und die Beunruhigung beginnt noch vor der Kunsthalle. Dort zieht uns am Wegesrand (einer Art Standstreifen der Stadtautobahn, die das Museum von der Hamburger City trennt) Michael Sailstorfers Buswartehäuschen an. Doch näher tretend entdecken wir, es ist gar kein Unterstand, sondern eine Wohnzelle mit Bett und Tisch und Spüle: eine Einsiedelei im Transitraum, ein Wohnwahnwartezimmer im rasenden Verkehr der Welt. Es scheint aus dem Bühnenbild einer Beckett-Inszenierung genommen, und tatsächlich wird man im Verlauf der Ausstellung immer wieder an den genialen Zeitzerdehner und seine Warteclowns erinnert. Oder an Becketts großen Vorläufer, an Anton Tschechow und dessen Helden eines streng verwahrten und verwarteten Lebens.

Bewegt, unbewegt. Auch die Uhr mit festgeklebtem Zeiger gleich am Eingang oder Tobias Rehbergers totvertäfelter Wartesaal mahnen uns an erste letzte Dinge. Doch ehe sich die Ausstellung ins Philosophelnde verflüchtigt, überraschen uns die kargen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Fotokünstlerin Ursula Schulz-Dornburg. Sie zeigen Bushaltestellen in der armenischen Provinz: futuristische Wunderhütten aus der Breschnew-Ära, Bonsai-Orgien eines entfesselten Sowjetmodernismus. Inmitten der Leere, des Nichts, das sie umgibt, erweisen sie im sorgfältigen Arrangement der Fotografin die ganze Kraft des Absurden – eine Ästhetik des Widerstands gegen alle Zumutungen der Zeit.

Politisch fokussierter die farbigen Fotosuiten von Paul Graham und Andrea Diefenbach. Hier (unter dem Titel Jenseits der Fürsorge) die Warteräume britischer Arbeitsämter während der Thatcherzeit, in jenen Jahren mit höchsten Wachstumsraten in der Gesellschaftsvernichtungsproduktion. Dort eine Zustandsbeschreibung des Globalisierungsprozesses heute. Diefenbach zeigt uns mit distanzierter Empathie fragmentierte Familien in Moldau. Die Kinder sehnen sich nach ihren Müttern und Vätern, die sich "im Westen" verdingen. Wir sehen die Mädchen und Jungen, von Großmüttern behütet, am Telefon oder bei Skype-Séancen, sehen auch, in weiter Ferne so nah, die Eltern, die um ihr Leben arbeiten.

Wartezeit als erzwungene Zeit in Verhältnissen, die nicht so sind. Wer warten muss, das bestimmen die anderen. Wer die Uhr hat, hat die Macht. Zeit, Geld, Macht, das gehört, wohl wahr, auf das Innigste zusammen. Warten und warten lassen.