DIE ZEIT: Sie sind bei Christie’s gerade zum Präsidenten für das Geschäft in Europa, Großbritannien, Nahost, Russland und Indien ernannt worden. Frage an den Experten: Wie hat sich der Kunstmarkt in den letzten Jahren entwickelt?

Dirk Boll: Vor 40, 50 Jahren waren die Kunstmärkte geprägt vom Handel mit alten Meistern und angewandter Kunst. Diese beiden Bereiche sind vom Umsatz her sehr stark zurückgegangen. Heute werden die Kunstmärkte dominiert von bildender Kunst, die zwischen 1880 und heute geschaffen wurde. Kulturkreise wie die Deutsch-Schweiz oder Teile Baden-Württembergs, in denen aus bestimmten historischen Bedingungen heraus schon seit hundert Jahren zeitgenössische Kunst gesammelt wurde, sind dabei besonders interessant für die Märkte, weil hier eine ausgeglichene Handelsbilanz herrscht. Die Schweiz exportiert ungefähr so viel Kunst, wie sie importiert.

ZEIT: Ist Deutschland in Sachen Kunst nicht eine Exportnation?

Boll: Deutschland exportiert viel Kunst, aber auch hier ist die Handelsbilanz recht ausgeglichen. Es bleibt zu beobachten, ob sich das in Deutschland nun durch das neu eingeführte Kulturgutschutzgesetz ändert. Aber seit dessen Einführung wurde ja noch kein Kunstwerk neu auf die Liste des nationalen Kulturguts gesetzt.

ZEIT: Vor der Einführung des Gesetzes im August 2016 war von einer massiven Abwanderung von Kunstwerken aus Deutschland die Rede. Haben Londoner Auktionshäuser wie Christie’s davon profitiert?

Boll: Märkte profitieren nicht von Unsicherheiten. Die Sammler wurden durch die Diskussionen um das Gesetz verunsichert, das ist immer schlecht. Die großteils sehr emotional, aber nicht immer informiert geführte Debatte hat allerdings einige Kunstwerke in Londoner Auktionshäuser gebracht, die zuvor fest als Leihgaben in deutschen Museen hingen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

ZEIT: In den kommenden Auktionen für Kunst des Impressionismus und der Moderne versteigert Christie’s Werke aus der deutschen Sammlung Barbara Lambrecht – mit dem Erlös soll das Museum für Gegenwartskunst in Siegen unterstützt werden. Das teuerste Los der Auktion für zeitgenössische Kunst wiederum kommt ebenfalls aus Deutschland: Peter Doigs Cobourg 3+1. Wie wurde Deutschland zu so einem wichtigen Markt und Lieferanten für die hochpreisige Kunst?

Boll: Das hat mit dem hohen Bildungsgrad und den finanziellen Möglichkeiten zu tun. Deutschland war in den vergangenen Jahrhunderten eine der wirtschaftlich führenden Regionen Europas, es gibt hier eine besondere Sammlertradition. Nicht nur Bildung, auch das Vermögen ist hier seit der Revolution 1918 und durch die Vermögensumverteilungen nach dem Zweiten Weltkrieg breiter gestreut, es können sich mehr Menschen Kunst leisten. In England gab es 1688 die letzte richtige Revolution, dadurch ist dort das kulturelle Vermögen stärker konzentriert. Eine hohe Zahl von Teilnehmern ist aber für einen Markt wichtig.

ZEIT: Viele Galeristen in Berlin klagen darüber, dass es in Deutschland heute eben keine breite Sammlerschicht mehr gibt.

Boll: Die Zahl nicht nur der Museums-, sondern auch der Messebesuche nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Und auch die Zahl der Sammler wächst. Ein Drittel unserer Käufer im vergangenen Jahr waren Neukunden. Sicher wirkt es demoralisierend, wenn man als Sammler wegen der großen Wertsteigerungen heute das Gefühl hat, bei den ganz hohen Preisen nicht mehr in dem gleichen Maß mithalten zu können wie noch vor 30 Jahren. Aber wer Kunst liebt, will Kunst auch sammeln. Und je mehr Kunst man hat, desto mehr Kunst will man haben. Das sind Phänomene, die unabhängig von Preiskategorien funktionieren, sie gelten für den Fotografie-Einsteigermarkt genauso wie für das Sammeln von Altmeistern. Was die deutschen Galeristen wohl zu spüren bekommen, ist ein verändertes Kaufverhalten der hiesigen Sammler. Die kaufen inzwischen auch im Ausland. Sie geben ihr Geld nicht mehr nur in Berlin oder Köln aus.

ZEIT: Warum ist die deutsche Kunst im Ausland so teuer? Ein Selbstporträt von Albert Oehlen soll bei Ihnen 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund kosten? Zu den teuersten Losen bei der Konkurrenz von Sotheby’s zählen Bilder von Gerhard Richter und Georg Baselitz.

Boll: Hohe Preise über längere Zeiträume indizieren eine hohe Qualität. Die deutsche Nachkriegskunst wird deshalb so hoch bewertet, weil die Sammler erkennen, dass sie so gut ist. Sicher spielt auch hier eine Rolle, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten die wirtschaftlich führende Nation in Europa war. Die herrschende Kunst ist die Kunst der Herrschenden: Der Kunstmarkt reflektiert immer auch ökonomische Wahrheiten.