Fleisch, immer wieder Fleisch. Das größte Problem der Bauern scheint in ihren Ställen zu wachsen. "Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein", plakatierte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks kürzlich eine ihrer satirisch-provokanten "neuen Bauernregeln". Die Vertreter des Deutschen Bauernverbands reagierten erwartungsgemäß: Diffamierung! Rücktritt!

Die Plakate zog Hendricks zurück – um gleich darauf zu verkünden, in ihrem Ministerium werde Gästen künftig kein Fleisch mehr serviert. Man wolle im Klimaschutz mit gutem Beispiel vorangehen. "Veggie-Day durch die Hintertür", schimpfte daraufhin Agrarminister Christian Schmidt in der Bild.

Der Schlagabtausch zwischen SPD-Ministerin und CSU-Minister zeigt allerdings nur eine der großen Herausforderungen für die Landwirtschaft. Die Probleme wachsen keineswegs nur im Stall, sondern zunehmend auch auf dem Acker. Und der Vorwahlkampflärm übertönt einen Streit, der nicht ganz so laut ist, aber tatsächlich den Weg für eine Wende in der Landwirtschaft bahnen könnte.

Auslöser ist ein Papier, das die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) Ende Januar lancierte. Darin gesteht die Fachorganisation der Agrarwirtschaft zum ersten Mal öffentlich Fehler ein: Landwirte brächten zu viel Kunstdünger und Pestizide auf den Acker und setzten zu oft auf Monokulturen. Eine kleine Revolution. Für den Bauernverband, der die Landwirte in Deutschland politisch vertritt, ist diese kleine Revolution schon zu groß. Er reagierte säuerlich auf den Vorstoß der DLG. Normalerweise passt kein Blatt Papier zwischen die beiden Vereinigungen, gerade wenn es darum geht, die industrialisierte Landwirtschaft zu verteidigen. Doch mit seinen "Zehn Thesen zur Landwirtschaft 2030" verlässt DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer nun die Wagenburg.

"Nur wer zur Selbstkritik fähig ist, ist auch zukunftsfähig", sagt Bartmer in einem Video auf der Internetseite der DLG und lässt seinen Blick nachdenklich über die winterkahlen Felder seines 1.000-Hektar-Hofes schweifen. Der Großbauer aus Sachsen-Anhalt nimmt den Druck ernst, den die Landwirtschaft aus der Gesellschaft erfährt. In der Öffentlichkeit fühlen sich viele Bauern als Tierquäler, Artenvernichter und Klimakiller verunglimpft. Als seien sie, denen das Wasser wirtschaftlich oft bis zum Halse steht, allein verantwortlich dafür, wie Lebensmittel heute produziert werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Auch um das gegenseitige Unverständnis zu durchbrechen, brachten Bartmer und seine Vorstandskollegen Wissenschaftler, Industrievertreter und Umweltschützer zusammen. Nach einer Klausur formulierten sie ihre Aufforderung zum Wandel. Nicht radikal, aber unmissverständlich: "An einigen Punkten überschreitet der Modernisierungspfad die Grenzen der Nachhaltigkeit, und er gefährdet die Resilienz der Systeme", schreiben die Experten. "Landwirtschaft muss hier mehr unternehmen als bisher."

Die Thesen erregen Aufsehen. Schließlich hat gerade die DLG selbst jene Produktionsweise vorangetrieben, die auf große Mengen, niedrige Preise und Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt ausgerichtet ist. Im engen Schulterschluss mit Agrarhochschulen, Chemie-, Saatgut- und Landmaschinenindustrie sah sich die altehrwürdige Fachgesellschaft stets als Avantgarde für die jeweils aktuellen Hightech-Lösungen.

Und nun soll dieser Fortschritt auf einmal auch in "gesellschaftlichen Innovationen" bestehen, nicht nur in Technik, Züchtung und Chemie? Nun soll die Zahl der Tiere im Stall wieder an die Fläche des Ackerlandes gekoppelt werden? Und "verbindliche UN-Standards zur Nachhaltigkeit" sollen den internationalen Handel von Agrargütern zähmen?

Langjährige Kritiker der DLG wie der Präsident des Bundesverbands Ökologische Lebensmittelwirtschaft Felix Prinz zu Löwenstein loben, dass nun endlich ein "konstruktiver Dialog" mit der Traditionsbauernschaft möglich sei. Der Kieler Agrarforscher Friedhelm Taube spricht vom "notwendigen Paradigmenwechsel, der die Landwirtschaft an ihrer Öko-Effizienz" messe.

Einer jedoch mag nicht so laut applaudieren: der oberste Landwirt des Landes. Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), betont zwar, dass er viele Einschätzungen des Thesenpapiers teile. Doch hinter den Kulissen gab es Krisensitzungen auf beiden Seiten. Und auch beim rasch anberaumten Treffen von DBV und DLG blieb die Stimmung zwischen den beiden Präsidenten kühl.

Die Agrargifte setzen auch den Bienen zu

Ein wenig pikiert war Rukwied wohl schon deshalb, weil Bartmers Thesen dem eigenen Positionspapier des Bauernverbandes die Aufmerksamkeit stahlen. Auch der DBV will, wenngleich weniger ambitioniert, "Veränderung gestalten". Rukwied stößt sich zudem an Bartmers deutlichen Aussagen zur EU-Agrarpolitik. Für ihn bleiben die Direktzahlungen für Bauern eine notwendige Einkommensgarantie.

Und dann bringt die DLG auch noch mitten im harten Ringen um mehr Tierwohl, um kupierte Ringelschwänze und Auslauf für die Legehennen ein weiteres, von der organisierten Landwirtschaft bisher tabuisiertes Thema in die Öffentlichkeit: die wachsenden Probleme, mit denen Bauern auch im Pflanzenbau kämpfen. Glyphosat, Neonicotinoide und andere Agrargifte ärgern nämlich längst nicht mehr nur die Umweltschützer. Viele Bauern beobachten selbst beunruhigt, dass mit den Schädlingen auch die Nützlinge wie Bienen und andere Bestäuber verschwinden. Mehr noch, die Agrarchemie versagt immer öfter bei ihrer eigentlichen Aufgabe: als Mittel gegen Unkräuter und -gräser.

Unter dem Druck niedriger Preise haben viele Bauern die Fruchtfolge nach wirtschaftlichen Kriterien optimiert. Weil es pro Hektar 20 Euro mehr bringt, bauen viele in einem Jahr Raps und dann zweimal hintereinander Weizen an – statt wie früher mit Raps, Weizen und Gerste drei Kulturen abzuwechseln. Die wachsende Monotonie der Fruchtfolgen macht es Ackerunkräutern leichter, sich an die eingesetzten Pflanzenschutzmittel zu gewöhnen. Resistenzen breiten sich aus. Wichtige Wirkstoffe wurden innerhalb weniger Jahre "verbrannt", wie man in der Branche sagt.

Der am meisten verbreitete Störenfried, der Ackerfuchsschwanz, wurde "auf diese Weise praktisch gezüchtet", sagt Agrarforscher Friedhelm Taube. Das Süßgras trotzt mittlerweile nahezu allen gängigen Spritzmitteln. Auch Windhalm, Flughafer und Weidelgras sind inzwischen gegen gleich mehrere Wirkstoffe resistent. Unkräuter breiten sich wieder aus, Pflanzenschädlinge vermehren sich. Der Weizen wird immer öfter von Pilzkrankheiten befallen. Für die betroffenen Bauern heißt das: Ihre Ernteerträge steigen nicht mehr, sie gehen manchmal sogar zurück.

Das Problem ist ein internationales. Besonders amerikanische Landwirte sind in die Falle der Abhängigkeit von der Agrarchemie geraten. Wo Mais und Soja gentechnisch gegen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat unempfindlich gemacht wurden, wo dieses Totalherbizid Jahr für Jahr zum Einsatz kam und Farmer auf keine Fruchtfolge mehr geachtet haben, da müssen sie inzwischen schon auf weit mehr als der Hälfte der Anbaufläche mehrmals spritzen; häufig bringen sie zusätzlich andere, hochgiftige Präparate aus. Kleinere Farmer lassen Unkräuter wie das Kanadische Berufkraut sogar wieder per Hand jäten.

Die Hilflosigkeit wächst, weil die Pflanzenschutzindustrie kaum neue Mittel auf den Markt bringt. Unter der Überschrift Was passiert, wenn Unkrautvernichter nicht mehr vernichten? konstatierte das Wissenschaftsmagazin Science schon 2014, dass keine Herbizide in Aussicht seien, die zugleich effektiv und ökologisch verantwortbar wären. In dem Beitrag warnt Larry Steckel, Agrarexperte an der University of Tennessee: "Die Landwirte glauben, es wird schon was am Horizont auftauchen, das sie retten kann. Aber da ist nichts."

In Deutschland gibt es zwar keine Gentechnik, zu viel gespritzt wird aber auch hier – und weil es immer weniger Wirkstoffe gibt, immer öfter mit den gleichen Präparaten. Die Chemiekonzerne verkauften ihre Produkte "mit Blick auf den kurzfristigen Absatz" oft ohne ausreichende fachliche Beratung, kritisiert der Agrarunternehmensberater Uli Henne im Fachblatt top agrar. Die Hersteller bestreiten die Krise nicht. Hochwirksame Substanzen, die resistente Unkräuter bekämpfen, ohne die Nutzpflanze zu schädigen, seien immer schwerer zu finden, sagt Bayer-Sprecher Utz Klages. Hinzu kämen die hohen Zulassungshürden der Behörden. Auch ihretwegen koste die Entwicklung eines neuen Pflanzenschutzmittels rund 250 Millionen Euro. Viele Firmen hätten sich deshalb aus dem Geschäft verabschiedet.

Die Herausforderung: eine Landwirtschaft, die Wasser, Boden und Klima schont

Und der Bauernverbandspräsident? Statt auch die hausgemachten Probleme zu benennen, hält er öffentlich am Bild einer Branche fest, die alles richtig macht. Die DLG entdecke nur Selbstverständlichkeiten wieder, ließ er wissen. Denn Fruchtfolgen praktizierten die Landwirte seit eh und je.

Für Carl-Albrecht Bartmer ist die Herausforderung klar: Es gilt, weitgehend ohne chemische Hilfe mehr zu produzieren – und dabei zugleich Wasser, Boden und Klima zu schonen. Die Frage bleibt, wie man das schafft. Es wäre ein Missverständnis, zu meinen, die DLG wolle nun alle Landwirte zu Biobauern machen. Tatsächlich kommt das selbstkritische Thesenpapier zu einem Zeitpunkt, an dem sich eine technologische Innovationswelle aufbaut. Die großen Chemie- und Saatgutkonzerne wie Bayer und Monsanto tun sich auch deshalb weltweit zusammen, weil sie statt an den Agrarchemikalien künftig an neuen "Lösungspaketen" verdienen wollen, an Wetterdaten und Ernte-Robotern, an neuen Biospritzmitteln und neuen Züchtungstechniken.

Vieles an dieser schönen neuen Agro-Welt wird den grünen Kritikern nicht schmecken, die der DLG jetzt applaudiert haben. Aber deren Vorstoß kann immerhin erreichen, dass der Artenkundler mit dem Biotechnologen, der Maschinenbauer mit dem Züchter, der Agrarinformatiker mit dem Ökobauern redet – und alle etwas dazulernen.