Nach dem Hauptgang sagten meine Großeltern, dass sie sich nicht lieben. Da waren sie bereits 23.387 Tage verheiratet. An einem hitzelahmen Sonntag im August saßen wir in einem Lokal am Starnberger See. Der Kellner hatte gerade Kaffee gebracht, als meine Großeltern sich ansahen. "Ein Liebespaar waren wir beide nie", sagte Großmutter. "Liebe ist ein überladenes Wort", antwortete Großvater.

Ich habe mich nie gefragt, wie meine Großeltern zueinander stehen. Sie gehörten zusammen, verheiratet seit 1952, mit Eheringen, Hackbraten und Reihenhaus. Ich habe mich auch nie gefragt, ob Liebe während eines gemeinsamen Lebens kaputtgehen kann und wann das bei meinen Großeltern passiert sein könnte. Seit jenem Sonntag im August frage ich mich das schon, denn vielleicht gibt es mich nur, weil meine Großeltern stark genug waren, etwas durchzuhalten, was keiner von beiden wirklich wollte.

Als ich ein paar Wochen später meinen Großvater anrief und ihn fragte, ob er mit mir über seine Ehe mit Großmutter sprechen würde, sagte er Nein. "Das geht dich nichts an", sagte er. "Du hast recht", sagte ich, "aber ich frage mich, ob ihr glücklich wart."

Am nächsten Tag rief er zurück. "Es geht dich immer noch nichts an. Aber ich möchte nicht, dass du denkst, ich wäre unglücklich gewesen. Also, reden wir über die Ehe."

Großvater spricht gerne, vor allem über sich. Er spürt dann die Schmerzen weniger, die ihm das Alter bereitet. Er hat aber auch schon gerne über sich gesprochen, als er noch keine Schmerzen hatte, als er noch jung war, Mathematik am Gymnasium unterrichtete und zum Ausgleich stundenlang durch die Wälder rannte. Er war ein strenger und pflichtbewusster Mann, und er ist es auch jetzt noch, mit 88 Jahren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

"Gibst du mir bitte den Brotkorb?", frage ich. Wir frühstücken im Wohnzimmer, mit der Bücherwand eines Lehrerlebens im Rücken. Großvater nickt. Er nimmt ein Brötchen nach dem anderen aus dem Korb und legt es auf seine Stoffserviette. Dann reicht er mir den leeren Korb. "Formulier präziser", mahnt er, ein gekrümmter Kaiser im altersweiten Anzug.

"Mir fielen als Erstes die Hände deiner Großmutter auf. Sie waren klein, die Finger kräftig und die Nägel kurz geschnitten. Diese Frau kann zupacken, dachte ich. Und genau so eine wollte ich, eine andere hätte ja gar nicht zu meinem Leben gepasst."

Sein Leben damals: nachts Pappgemische in einer Papierfabrik umrühren, für eine Mark die Stunde, damit er tagsüber studieren konnte. Zwischen Umrühren und Studieren lernte er auf einem Familienfest eine Freundin seiner Schwägerin kennen. "Ich mochte deine Großmutter sofort. Sie hat laut über unpassende Witze gelacht und sich nicht darum gekümmert, was andere über sie dachten."

In dieser Zeit war er manchmal so müde, dass er in der Fabrik einschlief. Müde war er auch in der Nacht, als der Unfall passierte.

Um Papier herzustellen, wurde damals in einer Glaskugel eine Flüssigkeit erhitzt, eine grüne, erinnert sich mein Großvater. In jener Nacht ging das schief, vielleicht war der Druck im Behälter zu hoch, vielleicht zu niedrig, jedenfalls stand Großvater neben dem Gefäß, als es explodierte. Glasstücke zerfetzten seine Augen.