Immer ist es ein Drama, immer himmelt der Mann seine Frau an, immer gibt es ein Happy End: Wenn Linnea May erotische Romane schreibt, folgen sie einer klaren Dramaturgie. Nur das führt bei ihren Leserinnen zum Erfolg. 15 Bücher hat die 33-jährige Hamburgerin für den amerikanischen E-Book-Markt veröffentlicht. Davon kann sie sehr gut leben – auch wenn sie sich selber manchmal fragt, was sie da eigentlich für Geschichten entwirft.

DIE ZEIT: Frau May, wie merkt man, dass man ein Talent für erotische Romane hat?

Linnea May: Ich war gerade dabei, meine Doktorarbeit zu schreiben, da begann dieser Shades of Grey-Boom ...

ZEIT: Mochten Sie das Buch?

May: Ich habe es nicht mal zu Ende lesen können, so furchtbar fand ich es. Grottenschlechter Stil und sehr prüde. Damals wunderte ich mich, dass eine breite Masse tatsächlich solche Geschichten liest.

ZEIT: Haben Sie privat keine erotischen Romane gelesen?

May: Nein. Hat mich nicht interessiert.

ZEIT: Trotzdem haben Sie angefangen, welche zu schreiben.

May: Ich mache das, weil es sich verkauft und Geld bringt. Ich wollte immer schreiben und davon leben. Meinen ersten Roman schrieb ich mit zwölf, über ein Straßenmädchen, später Selbstfindungsgeschichten. Ich habe Leseproben an Verlage geschickt, war damit aber nie erfolgreich. In 90 Prozent der Fälle kamen nicht mal Absagen. Andere Leute schreiben, um sich selbst zu verwirklichen. Ich aber wollte immer Sachen schreiben, die gelesen werden und unterhalten. Also habe ich entschieden, mal was Erotisches auszuprobieren.

ZEIT: Wie geht man das an?

May: Für mich war das eine neue Welt. Ich habe andere Bücher des Genres gelesen, um zu verstehen, was gut ankommt. Ich habe auch eigene Erfahrungen gemacht, muss ich gestehen. Mein Mann und ich sind seit 13 Jahren zusammen, wir führen eine offene Beziehung, jeder hatte seine Abenteuer. Das floss anfangs auch in meine Geschichten ein. Und während ich dieses Genre entdeckte, stieß ich auf das Konzept des Eigenverlags, das Self-Publishing.

ZEIT: Wie funktioniert das?

May: Man lädt seine Manuskripte kostenlos in den digitalen Katalog eines E-Book-Anbieters, der später am Gewinn beteiligt wird. Mich hat das gereizt. Ich dachte: Wenn ich das zusammenbringe – Bücher, die sich verkaufen und die Möglichkeit, sie direkt an den Leser zu bringen, ohne vorher zum Verlag zu müssen –, das könnte klappen. Meine erste Geschichte lief aber zunächst gar nicht. Ich hatte alles falsch gemacht.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Was denn?

May: Das Cover fiel in einen Tabubereich: ein Foto einer nackten Frau mit gefesselten Händen. Aufgrund von sexuellem Inhalt wurde das Buch nicht in der Suche angezeigt. Man darf nicht mal den nackten Rücken einer Frau zeigen, wenn kein BH-Träger zu sehen ist. Jede E-Book-Plattform hat eigene Regeln. Die sagen sie dir aber nicht.

ZEIT: Wie findet man diese Regeln heraus?

May: Durch ein Forum für Self-Publisher. Die meisten sind Amerikaner. Ich schreibe ja für den englischsprachigen Markt.

ZEIT: Warum eigentlich?

May: Ich kann explizite Sachen einfach besser auf Englisch schreiben. Ich habe es auf Deutsch probiert, aber es ging nicht. Und der Markt ist in den USA für solche von Verlagen unabhängigen Romance-Novels viel größer. Flatrates für Bücher sind dort sehr verbreitet, für zehn Euro im Monat kann man so viele E-Bücher aus einem Katalog lesen, wie man will. Das ist meine Haupteinnahmequelle, hier kennt das kaum einer.

ZEIT: Wie war es, das erste Buch zu veröffentlichen?

May: Ich habe es in der Silvesternacht 2014/2015 reingestellt. Vorher hatte ich gelesen: Du lädst das Buch hoch und wirst reich und berühmt. Ich dachte, jetzt geht es los, ich werde eine große Schriftstellerin. Tatsächlich passierte zwei Wochen lang fast nichts. Erst, als ich das Cover ausgetauscht hatte, habe ich ein bisschen Geld verdient.

ZEIT: Wie viel?

May: Im ersten Monat waren es 40 Dollar, im zweiten 80, im dritten 250. Ein halbes Jahr später hatte ich ein Einkommen, von dem ich leben konnte. Seit 2016 läuft es so gut, dass ich besser verdiene als die meisten meiner Freunde. Ich habe meine Doktorarbeit abgebrochen, das Schreiben der Romane ist deutlich lukrativer und macht mehr Spaß.