Der neue Roman von Lukas Bärfuss heißt Hagard, aber eigentlich hätte jedes seiner vier Prosabücher so heißen können. Denn dieses schöne alte Wort, das in dem so benannten Roman nicht vorkommt, im großen Fremdwörter-Duden aber schon, bedeutet: "Wildling, schwer zähmbares Tier, bes. Falke". Und Wildlinge, die am Unbehagen in der Kultur leiden und in ein Jenseits der Zivilisation auffliegen wollen, sind eigentlich alle Bärfussschen Helden. Ein Wildling der Wanderer aus dem Erstling Tote Männer (2002), einer, der sich von der Welt und der Liebe abwenden will und zum Ende, nach einer Schreckenserfahrung in einer apokalyptischen Waldbrand-Landschaft, doch in die geordnete Schweizer Enge zurückkehrt, um "jetzt und fürderhin zu lügen". Ein Wildling – und welch kühner – David Hohl, der in Hundert Tage (2008) den ruandischen Genozid in einer erschreckenden Mischung aus Sex und Gewalt, aus Angst und Begehren durchlebte. Und ein Gegenmensch zur Schweizer Arbeitsmoral war auch der Koala genannte Bruder des Autors, der sich das Leben nahm und den Bärfuss im Porträt eines Koalas, dieses meist schlafenden Wildlings mit dem "Existenzprinzip der Ehrgeizlosigkeit", aufs Zarteste spiegelte (Koala, 2014).

In Hagard ist nun das Wildlings-Thema, das bislang in reiche realistische Settings verwoben war, gleichsam nackt in den Fokus gerückt: Es geht in diesem Roman um ein fast weltlos reines, obsessives Begehren, das gleichsam aus dem Nichts kommt und in kürzester Zeit den grad noch wohlbestallten Immobiliendealer Philip aus allen Zivilisationsverbindungen lösen und in den Tod treiben wird. Eineinhalb Tage verfolgt er wie von Sinnen in einer namenlosen Stadt eine namen- und gesichtslose Frau. Er weiß nichts von ihr, außer dass sie auf anmutigen Beinen schnell und schwerelos geht. Und er ist ihr doch rettungslos verfallen, seit er ihre "pflaumenblauen Ballerinas" das erste Mal gesehen hat.

Er geht ihr durch die Straßen nach, sieht mit einer kleinen sadomasochistischen Gefühlsaufwallung, wie sie einen Pelzmantel abholt, steigt hinter ihr in die S-Bahn und verbringt, von der "Heiligkeit ihrer Verbindung" träumend, die Nacht ohne Essen und Trinken vor ihrem Haus. "Er will in ihrer Nähe sein", da weiß er, "wozu er geboren wurde".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Anderntags verliert er auf der Jagd nach dem Phantom die Börse, einen Schuh und den Strom in seinem Handy. Der wohlintegrierte Bürger hat sich in einen durchnässten und unterzuckerten Penner verwandelt, der in einem Kurdenkiosk hastig ein auf dem klebrigen Tisch liegen gebliebenes "Achtel Tomate" verschlingt – es muss das "Achtel" sein, das der Held des Erstlings nach langem Meditieren hat liegen lassen. Philips Jagd wird zur Höllenfahrt. Er wird niedergeschlagen, verletzt sich beim Sprung vom Dach auf den Balkon seiner Flamme und schlitzt sich, 36 Stunden nach dem Beginn seines Wahns, beim Eindrücken des Fensters die Pulsadern auf.

Niemand versteht, was Philip von der begehrten Frau will, auch er selbst nicht. Mehr noch: Er will es auch gar nicht verstehen. Einmal ist er ihr bei der Jagd auf einer Rolltreppe einige Schritte voraus, er könnte sich umdrehen und endlich ihr Gesicht sehen. "Wie nah sie sich sind und wie entfernt", sagt der Erzähler aus der Distanz der dritten Person. "Dreh dich um", flüstert er ihm, in die Anrede wechselnd, im nächsten Satz zu. "Erlöse uns", sagt er, in wieder anderer Person, im dritten Satz. "Du wirst wissen, mit welchem Blick sie die Welt betrachtet." Doch Philip kann nicht. "Du hast Angst. Angst vor ihrem Blick (...). Solange sie ein Geheimnis bleibt, solange kannst du glauben. Wenn du ihr Gesicht siehst, wirst du alles wissen und nichts mehr erfahren (...). Du wirst deuten. Und wenn du deutest, dann siehst du nichts mehr (...). Was wir verstanden haben, ist verloren."

Doch nicht immer funktioniert das Erzählen so gut, nicht immer wird das Thema so anziehend wie in dieser feinen Passage. Denn Bärfuss hat die inhaltliche Annäherung mit einer formalen Distanzierung verbunden. Nach drei Büchern, die meist in der heißen ersten Person erzählt waren, berichtet der Erzähler dieses Mal überwiegend in der kühleren dritten Person, unterbrochen von reflektierenden und bekennenden Passagen in der ersten Person. Die Geschichte mit Philip habe ihn "einige Male an den Rand des Wahnsinns geführt", sie sei "zu groß" für ihn, und doch wolle er nun als wahrhaftiger "Zeuge" von ihr berichten. So schwadroniert der Erzähler unter pathetischer Anhäufung von Ausdrücken wie "Begehren" und "Obsession" auf den ersten zwölf Seiten – es soll heiß wirken, klingt aber hohl. Dann lässt er Philip als eher anämisches, wenig glaubwürdiges Gestältchen seinem Phantasma nachgehen, unterbrochen von seinen eigenen kulturkritischen Einlassungen, die doch deutlich weniger überzeugen als Bärfuss’ Essayband Stil und Moral.

In der Mitte des Buches legt der Autor – endlich – einen Hebel um, und Philip und sein Erzähler sind für 40 fulminante Seiten nicht wiederzuerkennen. In rhetorisch hinreißender Misanthropie röhrt der Verzauberte im öffentlichen Frühmorgenverkehr verzweifelt seinem "Mädchen" nach und verwandelt sich dabei wehrlos in einen Drop-out.

Dann melden sich die Probleme dieses Stoffes und der Erzählanlage leider zurück. Das angebliche Ringen des Erzählers mit seinem Sujet wirkt im Vergleich zu dem Ringen in Koala blass und bemüht – es war ja schon Georges Batailles Mystik der Ausschweifung, deren x-ten Aufguss wir hier verkosten, schwer von des angeblich verpönten Gedankens Blässe angekränkelt. Und da Philips leeres Phantasma beim besten Willen keinen Roman tragen kann, muss Bärfuss fleißig Sättigungsbeilagen auftischen. Es hat seine Ironie, wie er das tut: Die satirischen Alltagsbilder aus einem sehr nach Zürich aussehenden Bahnhof, vor allem aber die Nebenhandlungen und Erzählzaubereien, mit denen er seinen Roman auflöst, zeigen, welch fabelhafter Erzähler dieser Autor ist, dem es diesmal leider an einem ihn wirklich herausfordernden Stoff gebrach.

Lukas Bärfuss: Hagard. Roman; Wallstein, Göttingen 2017; 174 S., 19,90 €