Er hat in diesen Tagen 25-jähriges Dienstjubiläum. Seit 1992 arbeitet Stefan Driesner bei einem großen deutschen Konzern, dessen Namen er nicht öffentlich nennen will. Als er dort anfing, war er 27, nun ist er 52 und sitzt im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses am Rande einer süddeutschen Großstadt. Ein schöner Nachmittag, Driesner blickt auf seinen Swimmingpool im Garten und die umliegenden Wiesen.

Er ist aufgestiegen in seinem Unternehmen bis ins mittlere Management im IT-Bereich. Driesner verdient gut, kann reisen und seinen Mitarbeitern Ansagen machen. Er hat es geschafft, so scheint es.

Aber wenn man ihn fragt, ob man mit ihm über seinen Posten sprechen könne, folgt ein leises Aufstöhnen. Offen reden mag er nur unter einem anderen Namen. Angst ist ein großes Thema, wenn nicht das entscheidende in seinem Berufsleben.

Wer eine Weile in der Welt der Mittelmanager recherchiert, begegnet dieser Furcht in fast jedem Gespräch. Viele wollen gar nichts erzählen, andere geben nur allgemein klingende Phrasen wieder. Und im Hintergrund wachen stets die Pressesprecher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Die Mittelmanager sind diejenigen, die in fast jeder Studie zur Unternehmensorganisation bemitleidet werden – eingeklemmt in der "Sandwichposition", dem Druck von oben und von unten ausgesetzt, zerrissen zwischen eigenen Aufstiegsambitionen und der Solidarität zu ihren Mitarbeitern. Die amerikanische Zeitschrift The Atlantic beschreibt unter der Überschrift Das geheime Leiden der Mittelmanager Menschen, die wegen dieses Drucks von zwei Seiten stärker unter Stress, Angst und Depressionen litten als ihre Untergebenen oder Vorgesetzten.

Für die Unternehmen ist das ein Problem, denn die Mittelmanager sind maßgeblich für deren Erfolg verantwortlich. Sie sind, zu dem Schluss kommt eine Studie des britischen Economist, am wichtigsten für die Motivation der Mitarbeiter. Zugleich sind sie aus Sicht dieser Mitarbeiter aber auch schuld daran, wenn diese unzufrieden sind. 85 Prozent der für eine Studie von Gallup Deutschland befragten Arbeitnehmer sahen das so. Der Mittelmanager erscheint als ambivalentes Wesen. Auf der einen Seite bemitleiden die Forscher ihn, auf der anderen bezeichnen sie ihn als Verhinderer, als Bremser, als Teil der "Lehmschicht" eines Unternehmens. Die Rolle des Mittelmanagers: ungeliebt, aber unersetzlich.

Stefan Driesner hatte nach dem Studium nicht wirklich an Karriere gedacht, der Aufstieg in der Firma war nicht sein Lebenstraum. Er hatte sich zu Anfang überhaupt wenig Gedanken über seine Zukunft gemacht. Die Sorglosigkeit einer anderen Zeit. Driesner begann als IT-Experte bei der Post, von dort warb ihn jener Konzern ab, für den er jetzt noch immer arbeitet. "Da wurde locker das Gehalt verdoppelt", sagt er. Heute begegnen ihm in seinem Unternehmen manche Ende 20-Jährige, die schon zwei Jahre in Japan oder den USA gelebt haben. Er nennt sie die Highflyer, die genau wüssten, was sie wollten, deren Lebensweg nur auf Erfolg ausgerichtet sei. Denen jeder, der länger als drei Jahre auf einem Posten sitzt, als verbrannt gilt. Je länger man irgendwo verweilt, so die Logik, desto verbundener ist man mit den Kollegen, man wird Teil eines Beziehungsgeflechts. Wer weniger Verbindungen hat, dem fällt es leichter, harte Entscheidungen zu treffen und sie auch durchzusetzen.