Zwölf Uhr mittags in seiner Wohnung am Kreuzberger Paul-Linke-Ufer: Hier ist er vor Jahrzehnten hergezogen. Ein tolles Durcheinander aus Büchern, Zeitschriften, Kartons, Kleiderständern, Kunst: Viel schöner und lässiger zusammengehauen kann ein Lebensfazit nicht aussehen. Michel Würthle, 73, im österreichischen Salzkammergut geboren, kam 1972 nach Berlin, gründete mit Ingrid und Oswald Wiener das Restaurant Exil, übernahm 1979 die Paris Bar auf der Kantstraße. Er stammt also noch aus der dunklen Zeit, als ein Beate-Uhse-Laden der einzige glamouröse Ort in Berlin war (siebziger Jahre). Heute ist Berlin ganz einfach aufgebaut: Im Osten gibt es ein paar gute Lokale, im Westen gibt es die Paris Bar. Der Barmann ist sein Leben lang, praktisch im Nebenjob, immer Künstler gewesen – seine Stammgäste nennen Michel Würthle respektvoll einen Artist-Artist.

Der Grandseigneur bittet in seine Küche. Es gibt Instantkaffee von der Firma Gut & Günstig. Er raucht. Er sagt in seinem Wiener Slang: "Ich frühstücke nie, aber ich kann dir gerne ein paar Eier machen." Dieser Michel Würthle sieht, was in der hässlichen Stadt Berlin immer noch auffällt, auf eine grandios altmodische Art soigniert aus (wie eine Mischung aus Jean-Paul Belmondo und Prinz Philip, dem Duke of Edinburgh). Eine Frage war, wie viele Knöpfe zur späten Frühstückszeit an seinem Hemd aufgeknöpft sein würden. Er trägt ein khakifarbenes Wrangler-Hemd, die oberen drei Perlmuttknöpfe stehen offen.

Hmm. Sein gemütliches, morgendlich muffiges Gesicht. Soll er jetzt wirklich Fragen beantworten? Also bitte, er erzählt lieber irgendetwas: Er frühstücke, wie gesagt, nicht viel, aber in Wien sei er gegen elf Uhr morgens für ein sogenanntes Gabelfrühstück zu haben – ein kleines Gulasch, Makkaroni, Reste von einem Braten. Wie sind seine Gefühle um zwölf? Ja gut, man müsse die schlechten Gefühle wegsortieren, melancholisch sei man selbstverständlich zu jeder Tageszeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Lustig, es gibt da ein paar interessante Fragen, die der Nichtfrühstücker Würthle – man sieht es ihm an – schlicht keinen Bock hat zu beantworten: Freut er sich, dass Martin Schulz gerade die SPD rettet? Welche war die tollste Frau, die ihm in vierzig Jahren Paris Bar begegnet ist? Kann er von einer speziellen Sorte Klugheit berichten, die sich nach zwanzig kleinen, eisgekühlten Wodka einstellt? Nein, das ist ihm alles zu obszön, zu banal, zu naheliegend: "Bitte! Lass mi’ in Ruh mit dem Schaas." ("Schaas" ist österreichisch für "uninteressante Dinge".) Was hätte sein Lebensfreund, der vor zwanzig Jahren verstorbene Martin Kippenberger, wohl zur AfD gesagt? "Na, er hätte gekotzt, so wie er immer gekotzt hat."

Er holt nun ein Buch über den amerikanischen Westernfilm hervor und erklärt, sehr engagiert, sehr kenntnisreich, worauf es ankomme bei Western: Die Handlung sei egal, die könne von ihm aus immer dieselbe sein. Ihm gehe es einzig und allein um Style, um Haltung. John Wayne in Rio Bravo, Jimmy Stewart in Destry Rides Again! An die zehn Zigaretten raucht er weg, während er eine Stunde lang über Klassemänner doziert, die von ganz früher, aus einer anderen Zeitrechnung stammen.

Er grinst. Aber eben nur ein bissl. Seinen Schmäh und seine Weisheit, die gibt es nur bei Leuten, die jahrelang in Lokalen gearbeitet haben. Er bezeichnet sich, was schön klingt, als jeune veillard ("jungen Greis"). Im Ernst, Michel: Jetzt, wo ein Vollidiot im Weißen Haus sitzt, der nie ein Buch gelesen hat und die Kunst verachtet, was bleibt da von unserem Lebensentwurf? Sechs Paar Pferdelederschuhe? Ernste Frage, ernste Antwort. Nur so viel: Es sind bei ihm eher sechzig als sechs Paar handgemachte Schuhe.

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