Warum bricht Tom Burgis in Tränen aus? Der Reporter der Financial Times weint zu Beginn seines neuen Buchs über Afrika. Das wirkt zunächst befremdend. Doch dann erzählt Burgis, wie er sich im Krankenhausbett an die Bilder von den Opfern eines Massakers in Nigeria erinnert hat, über das er Monate zuvor berichtet hat. Die professionelle Distanz des Journalisten hat das Schuldgefühl überlagern, nicht aber verdrängen können: das Schuldgefühl, selbst am Leben zu sein.

Als er genesen ist, sieht sich Tom Burgis umso mehr in der Verantwortung: Er will die Wurzeln der Barbarei in Nigeria ergründen. Geht es dort wirklich um "ethnische Rivalitäten"? Mit dieser Erklärung will er sich nicht zufriedengeben. Er will tiefer bohren: Welche Rivalitäten genau? Das Ergebnis ist eine atemberaubende Reise durch jenen Teil des afrikanischen Kontinents, "den die Welt als ihre Mine benutzt". Unterwegs von Nigeria über Angola und den Kongo bis nach Äquatorialguinea, trifft Burgis Täter und Opfer im grausamen Kampf um Rohstoffe.

Das minutiös recherchierte Buch Fluch des Reichtums ist das wichtigste unter vier neu erschienenen Werken, die von der Welt jenseits des Mittelmeers und der Sahara berichten – und zeigen, wie nahe uns Afrika ist. Jahrelang interessierten solche Themen vor allem Fachleute. Das ändert sich gerade. Auch wenn bislang nur ein geringer Teil der Zuwanderer, die nach Europa ziehen, aus Afrika stammt: Es werden mehr werden, und die Dramen auf dem Mittelmeer haben ein banges Interesse am Nachbarkontinent wachsen lassen. Auch am Kabinettstisch rückt die Afrikapolitik vom äußeren Rand näher an den Mittelpunkt des Regierens. In den Flughafenlounges afrikanischer Hauptstädte stellten sich jüngst nacheinander Kanzlerin, Außen- und Entwicklungsminister und viele andere europäische Politiker ein. Was aber hieße es, den Kampf gegen die Fluchtursachen realistischer zu führen als mit fragwürdigen Migrationspartnerschaften und unausgegorenen Marshallplänen? Was sind die Ursachen, welche liegen in Europa und welche in Afrika?

Eine Ursache heißt Landflucht. Sie lässt in vielen afrikanischen Ländern anarchische Megacitys wachsen. Wie sich diese Städte künftig entwickeln, das wird entscheidend für ein womöglich besseres Leben werden. Al Imfeld, seit Jahrzehnten einer der bekanntesten Afrikakenner im deutschsprachigen Raum, legt dazu eine originelle Mischung aus Skizzenbuch und Manifest vor. Seine Beobachtungen, Erfahrungen und historischen Assoziationen fügen sich zu der anregend unfertigen Collage: AgroCity.

"Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten" – die zentrale These des Buches von Asfa-Wossen Asserate, Die neue Völkerwanderung, klingt eher wie der ewige Ruf nach den weißen Helfern, die wissen, wie’s geht. Doch weit gefehlt: Tatsächlich zielt der Autor auf einen handfesten politischen Kurswechsel. Konkret fordert er ein Ende der "Appeasement-Politik gegenüber Afrikas Potentaten" und faire Handelsregeln. Der Mann weiß, wovon er redet. Er ist nicht nur Publizist, sondern berät auch Unternehmen, die in afrikanischen Ländern Geschäfte machen. Außerdem war er selbst auf Asyl angewiesen: Als Großneffe des letzten Kaisers Haile Selassie konnte er, damals Student in Deutschland, nach der Machtübernahme des Militärs 1974 über Jahre hinweg nicht in sein Land zurückkehren. Die Gründe für eine drohende Völkerwanderung reichen in seinen Augen von der Korruptheit und der Menschenrechtsverachtung afrikanischer Regierungscliquen über die Folgen des Klimawandels bis hin zur Landnahme großer Konzerne. Energisch kritisiert der Autor Europas "skandalöse Landwirtschafts- und Handelspolitik". Gegen die global aktive, teils subventionierte EU-Konkurrenz kämen Afrikas Bauern und Firmen nicht an. Entwicklungspolitiker legten zu oft "Konjunkturprogramme für die heimische Wirtschaft" auf, statt afrikanische Unternehmen zu unterstützen. Der erzwungene Freihandel sei so gerecht wie "ein Fußballspiel zwischen Real Madrid und der Schulmannschaft von Bole Bamboi". Er verstärke die dramatische Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit junger Menschen in vielen Ländern. Asserate schreibt bitteren Klartext: Derzeit bekämpfe Europa statt der Fluchtursachen die Flüchtlinge selbst. Dabei kämen 86 Prozent der Menschen, die weltweit umherziehen müssen, anderswo unter als in Europa, und zwar zumeist in deutlich schwächeren Staaten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Die Flüchtenden landen auch, ja vor allem in Afrika – davon erzählt Winnie Adukule. Ihr Heimatland Uganda gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und hat mehr als eine Million Geflohene aus den Nachbarstaaten aufgenommen. Ins Zentrum ihres Buches Flucht stellt die Rechtsanwältin zehn Interviews, die sie in Kampala und in einem Lager geführt hat. Flüchtlinge aus Burundi, dem Kongo und dem Südsudan kommen zu Wort; Menschen, von denen viele seit Jahren gestrandet sind. Aber auch Rückkehrer aus Europa oder Kanada erzählen von ihren Eindrücken, von Erfolgen und Misserfolgen. Journalistisch professionell sind diese Gespräche nicht geführt. Sie leben von dem Eindruck, dass hier afrikanische Nachbarn untereinander reden, fern von europäischen Zuhörern. Man erfährt von unfassbarem Leid, lernt aber auch die Vitalität im alltäglichen Überlebenskampf kennen. Adukule kritisiert die europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik zweifach: "Pauschal abzuweisen oder auszuweisen" sei ebenso falsch, wie "tatenlos zuzuschauen, dass Menschen in ihr Unglück rennen, weil sie Luftschlössern hinterherlaufen". Zugleich redet sie den jungen Afrikanern ins Gewissen, deren Engagement in ihren Heimatländern gebraucht werde. Auch wenn jeder Mensch das Recht habe, "seinen Ort auf der Welt frei zu wählen, wo er glücklich zu werden meint": Weglaufen sei dennoch keine Lösung. "Für den Einzelnen vielleicht, aber nicht für alle." Mit diesem Appell an die Verantwortung repräsentiert die Autorin eine wachsende, gut ausgebildete und selbstbewusste Generation, die für mehr Demokratie und Wohlstand in Afrika streitet und den entwicklungspolitischen Patentrezepten aus dem Westen eigene Initiativen entgegensetzen will. Auch Asserate setzt auf dieses "andere Afrika". Seine Beschreibung der Oppositionsbewegungen vom Senegal über Burkina Faso bis Tansania hätte man sich ausführlicher gewünscht. Warum aber misslingt es in anderen Ländern, verkrustete Regime zu bekämpfen?