Wenn es ums Militärische geht, wandert die deutsche Politik gern ins Zivile ab. Der jüngste Anlass ist das Gelöbnis der Nato-Partner vor drei Jahren, die Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des BIP zu steigern. Das haben nur vier der 26 europäischen Mitglieder geschafft.

Krösus Deutschland bringt’s nur auf 1,2 Prozent, erzählt aber den Freunden, dass die Arithmetik unfair sei. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz wehrte sich die Kanzlerin gegen die "kleinliche Diskussion", um dann in die ganz große einzusteigen. Man müsse auch die deutschen Ausgaben für Entwicklungshilfe und Krisenprävention dazurechnen. Außenminister Gabriel wurde noch "ganzheitlicher". Er will dem Verteidigungsetat "30 bis 40 Milliarden Euro für die Aufnahme von Flüchtlingen" gutschreiben, denn die seien ein "Beitrag für die Stabilisierung der Welt". Greifen wir zum Taschenrechner: Ein Plus von 40 Milliarden würde den Militärhaushalt glatt verdoppeln, und Deutschland läge prozentmäßig vor allen anderen Europäern.

Ein hübsches Kunststück. Amerika und England leisten mehr Entwicklungshilfe als Berlin, schlagen es aber nicht dem Wehretat zu. Dass Deutschland die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat, ist beispielhaft großherzig. Solche humanitären Leistungen einzurechnen ergibt freilich eine kreative Buchführung, die unseren kritischen Freunden als Augenwischerei auffallen muss.

Was kommt als Nächstes? Der Bau von Auto- und Eisenbahnen daheim? Warum nicht? Die können doch der schnellen Truppenverschiebung dienen. Investitionen ins Internet? Die beschleunigen den Datenverkehr vom General zur Truppe. So gerät alles zur Aufrüstung – und Absurdität. Oder so: Wer ein Haus baut, treu nach DIN und TÜV, braucht trotzdem eine Feuerwehr. Entwicklungshilfe ersetzt nicht die Verteidigungsfähigkeit.

Die fehlt den Deutschen, die seit dem Ende der Sowjetunion die Bundeswehr gedrittelt, die Kampfpanzer von 3500 auf 250 reduziert haben. Eine US-Fachzeitschrift fragte 2015: "Is Germany’s Military Dying?" Stolz verweist die Verteidigungschefin auf die Battle Group, die Deutschland in Litauen anführt. Dieser "Stolperdraht" aber funktioniert nur, wenn dahinter ganze Kampfbrigaden stehen, die rasch an die Front rücken können. Die fehlen der Bundeswehr, und deshalb muss sie massiv in Kampfbereitschaft investieren, um Putins Risikokalkül zu schärfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Ein Anfang ist mit einem Plus von acht Prozent für den Wehrhaushalt getan. Doch ist das nur ein (löblicher) Klacks im Vergleich zu zwanzig Jahren Abrüstung. Wer nun das Zivile mit dem Militärischen verrechnet, will Punkte in der atlantischen Propagandaschlacht gegen Trump sammeln (was okay ist), aber den harten strategischen Entscheidungen ausweichen.

Gerade wer in der Ära Trump/Putin über den Verlust der amerikanischen Verlässlichkeit orakelt, muss für Abschreckung durch Kampfbereitschaft an den Ostgrenzen der Nato sorgen. Die Deutschen haben fünfzig Jahre lang Sicherheit zum Discountpreis genossen. Wenn sie jetzt mehr einzahlen müssen, führt das nicht in eine "blinde Aufrüstungsspirale" (Gabriel). Es ist die Korrektur einer einst verständlichen Abrüstungsspirale, die der Kreml als Gelegenheit wahrgenommen hat. Für diese schlichte Einsicht braucht Europa keine Nachhilfe von Trump.