Man muss sich den chilenischen Regisseur Pablo Larraín als jemanden vorstellen, der eine schwierige Prüfung zu bewältigen hat. Er weiß, was von ihm erwartet wird und wie er vorgehen könnte. Aber er hat keine Lust, sich nach allen Regeln der Kunst abzumühen. Er taucht frech vor den Anforderungen ab, versucht es sich leichter zu machen. Doch dazu ist er irgendwie zu gut. Weshalb das, was er am Ende abliefert, zwar seine Renitenz klar erkennen lässt, aber zugleich die gestellte Aufgabe elegant erfüllt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Schon mehrfach hat sich Larraín sehr souverän mit der politischen Geschichte seiner Heimat beschäftigt, zuletzt in seinem finsteren Meisterwerk Der Club über die Schweinereien der katholischen Kirche. Und jetzt: Neruda. Eine Filmbiografie über Chiles engagierten Nationaldichter. Das kann leicht zu einem überbreiten Heldenepos ausarten. Nicht bei Larraín. Der schürzt seinen Stoff sehr unbefangen und liefert ein schnittiges Stück untertänigster Majestätsbeleidigung ab. Es zeigt den Dichter in einem heroischen Moment seiner Laufbahn – aber eher als Hallodri denn als Helden.

1948, noch 23 Jahre vom Literaturnobelpreis entfernt, muss der kommunistische Senator Pablo Neruda in den Untergrund gehen. Er wird mit Haftbefehl gesucht, nachdem er die repressive Politik des chilenischen Präsidenten Gabriel González Videla wiederholt scharf angegriffen hat. Ein Jahr lang verstecken ihn Freunde und Genossen der verbotenen Kommunistischen Partei in wechselnden Wohnungen, schließlich gelingt Neruda zu Pferd die Flucht über die Anden nach Argentinien.

Larraín macht aus dem Jahr der Verfolgung eine kuriose und muntere Katz-und-Maus-Geschichte. Er unterschlägt nicht die dramatischen Koordinaten der Situation, nimmt ihr aber viel vom historischen Ernst. Der Salonbolschewist Neruda, von Luis Gnecco mit knuffigem Snobismus gespielt, glaubt nie recht an die drohende Gefahr und kann auch nur schwer auf Huren und ähnliche Privilegien verzichten. Einmal fragt ihn eine arme, proletarische Parteisoldatin auf einer klandestinen Party: "Wenn endlich der Kommunismus herrscht und wir alle gleich sind: Sind wir dann alle gleich wie Sie – oder gleich wie ich?" Der Kamerad ist eben doch eine Klasse für sich.

Als Gegenspieler für den Großdichter haben sich Larraín und sein Drehbuchautor Guillermo Calderón einen vor Ehrgeiz glühenden Polizeiinspektor ausgedacht, den Gael García Bernal mit kantigen Mienen und Gesten verkörpert wie einen Cartoon-Charakter. Natürlich kombiniert er immer knapp daneben und kommt stets eine entscheidende Stunde (oder Minute) zu spät. Sowenig sich Neruda in die Opferrolle fügt, so wenig taugt dieser Inspektor als fiese Fratze der Repression.

Kino - "Neruda" (Trailer) © Foto: Piffl-Medien

Und so soll es sein, denn letztlich inszeniert Larraín auf dem historischen Fundament seine ganz eigene Meta-Scharade. Deren Leitsatz lautet: Pablo Neruda ist nicht beizukommen. Die Polizei muss sich an ihm die Zähne ausbeißen, aber auch jeder Filmregisseur. Er ist größer als alle üble Nachrede, wie berechtigt die auch immer sein mag. Er verfügt über Beschwörungsformeln, irgendwann in die Schreibmaschine gehackt, die jeden erschüttern und verändern können. Wer dafür offene Ohren hat, der verwandelt sich womöglich sogar mit der Zeit in einen besseren Menschen – wie der Inspektor, dessen Schicksal vom Dichter plötzlich auf geradezu schlafwandlerische Art umgeschrieben wird.

Bis zum Schluss macht sich Neruda über Neruda lustig. Und sinkt dann doch, wenngleich nur angedeutet, vor ihm in die Knie: Dichter, was wären wir ohne dich – eine ärmere Version unserer selbst, weniger kämpferisch, weniger zartfühlend, weil wir an deinen Versen gewachsen sind! Den Film, in dem solche Worte tatsächlich fallen könnten, hat Larraín nicht gemacht. Zum Glück. Stattdessen eine fast schon satirische Meditation über die alte Ehe zwischen dem Poeten und seinem Volk. Bei allen Fehlern des anderen: Es geht nicht ohne ihn.