Seit im Weißen Haus der Wahnsinn regiert, sind viele Europäer wieder im Reinen mit sich und ihrem Bild von Amerika: ein bisschen zum Lachen, ein bisschen zum Weinen; ein wenig zum Fürchten und eigentlich zum Weglaufen. Zeit, "erwachsen" zu werden und sich auf die eigenen Kräfte zu besinnen – am besten mit europäischen Atomwaffen.

Der Haken daran: Auch viele Amerikaner, schätzungsweise die Hälfte, finden Donald Trump zum Lachen und zum Weinen, zum Fürchten und zum Weglaufen. Deshalb sei daran erinnert: Europa gegen Amerika – das ist die falsche Frontstellung. Das liberale Amerika und das liberale Europa müssen sich vielmehr gemeinsam wehren gegen Trump und Le Pen, gegen Abschottung und Fremdenhass.

Freie Medien werden nämlich in New York wie in Berlin mit dem Vorwurf in den Schmutz gezogen, sie seien eine "Lügenpresse" und "Feinde des Volkes". Gerichte in Warschau wie in San Francisco sehen sich gezwungen, die Regierenden daran zu erinnern, dass sie nicht ihnen verpflichtet sind, sondern dem Gesetz.

Die Wut auf Trump darf nicht umschlagen in eine Abkehr von den Vereinigten Staaten

Es geht wahrhaftig um mehr als das Bekenntnis der Regierung Trump zur Nato und die Bereitschaft der Europäer, zwei Prozent des BIP für das Militär auszugeben. Es geht darum, dass die gänzlich unverzichtbaren transatlantischen Beziehungen nicht vor die Hunde gehen.

Deshalb darf die Wut auf Trump nicht umschlagen in eine Abkehr von Amerika. In den Vereinigten Staaten mit ihren seit mehr als zweihundert Jahren gefestigten Institutionen funktionieren die Kontrollen. Trumps Muslim-Bann haben die Gerichte umgehend kassiert. Zeitungsverlage investieren in den investigativen Journalismus, sie wollen Trump seine Lügen nicht durchgehen lassen. Selbst bei den feigen und opportunistischen Republikanern geht nun mancher auf Distanz zur Trump-Kamarilla.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Ob die Europäer die Demokratie in der Stunde der Not wohl genauso beherzt verteidigen? Diese Stunde kann uns schon bald schlagen. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen im Mai siegt. Und dann steht mehr auf dem Spiel als nur der Euro, nämlich die Europäische Union selbst.

In Österreich konnte ein FPÖ-Staatspräsident nur um Haaresbreite verhindert werden, weil sich alle gegen ihn stellten: Konservative, Liberale, Grüne und Sozialdemokraten. In Frankreich aber sind die Lager schärfer geteilt, so schnell stimmt dort kein Konservativer für einen linken Kandidaten. Und umgekehrt.

Wie stark also ist Europa? Auf der Münchner Sicherheitskonferenz war kein Auftritt gespenstischer als der des britischen Außenministers Boris Johnson, eines Spielers, der sein Land erst in den Brexit getrieben hat, dann die Verantwortung nicht übernehmen wollte und jetzt die "Befreiung" Großbritanniens von der EU feiert. Eine armselige Figur. Der Wahnsinn regiert auch in Whitehall.

Dann gerieten sich in München auf offener Bühne EU-Vizepräsident Frans Timmermans und der polnische Außenminister Witold Waszczykowski in die Haare, als Timmermans vollkommen zu Recht auf der Unabhängigkeit von Polens Verfassungsgericht insistierte.

Nein, dieses Europa ist nicht so stark, als dass es beim Kampf gegen den Rechtspopulismus nicht der Unterstützung bedürfte. Und von wem sollte die kommen, wenn nicht vom liberalen, demokratischen Amerika? Wir brauchen seine wirtschaftliche Dynamik, seine Spitzenforschung und seinen Qualitätsjournalismus. Und, ja, seine militärische Stärke brauchen wir auch.

Dafür schulden wir den Amerikanern Hilfe bei dem Versuch, im derzeitigen Regierungschaos nicht den demokratischen Kompass zu verlieren – durch Bürgerprotest und Parlamentsbeschlüsse, durch kritische Berichterstattung, durch den Schutz ausländischer Mitarbeiter in europäischen Firmen. Und, ja, auch durch einen fairen militärischen Beitrag.

Geprägt von der Aufklärung, haben beide, Europäer und Amerikaner, Verfassungen geschrieben, Universitäten gegründet, Gesetzbücher verfasst und Zeitungshäuser aufgebaut. Heute müssen wir dieses gemeinsame Erbe verteidigen – gegen die Trumps und Le Pens im eigenen Haus und gegen die autoritären Machthaber überall auf der Welt, denen nichts lieber wäre, als wenn der Westen an sich selbst verzweifelte.

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