Endlich Wochenende! Arne Trumann ist erleichtert, als er am Freitagnachmittag von der Arbeit nach Hause fährt. Der 44-Jährige ahnt noch nicht, dass er an diesem Wochenende und in den Tagen danach am Abgrund stehen wird. Und dass er am Ende dankbar sein wird, überhaupt noch am Leben zu sein.

Zu Beginn der Woche war Trumann wegen eines grippalen Infekts krankgeschrieben. Am Freitag, seinem dritten Arbeitstag, fühlt er sich schon morgens ungewöhnlich matt. Auf der Heimfahrt muss er sich am Steuer stark konzentrieren, um heil anzukommen. Zu Hause, in einem kleinen Ort in der Nähe von Bremen, wirft er sich dann auf das Sofa – er werde sich schon erholen, denkt er.

Aber das Gegenteil geschieht, Trumann fühlt sich immer schwächer. Seine Frau und seine drei Kinder merken, dass etwas nicht stimmt, sie rufen beim ärztlichen Notdienst an. 30 Minuten später kommt ein Arzt. Weil Trumann schwach ist und Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, bespricht der Arzt fast alles mit dessen Frau. Schließlich vermutet der Doktor, es sei wohl ein Rückfall des Infekts. Da helfe es am ehesten, sich schlafen zu legen und sich zu erholen. Den Patienten Trumann untersucht der Arzt während seines Besuchs gar nicht. Damit hat er keine Chance, herauszufinden, was Trumann wirklich hat. Schon weil er nicht richtig hinsieht.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Ausgerechnet im Fall einer Sepsis, das ist die Erkrankung, unter der Trumann leidet, kann es aber einen Patienten sogar das Leben kosten, wenn ein Arzt die Symptome übersieht. Eine Sepsis, im Volksmund auch als Blutvergiftung bezeichnet, beginnt oft mit einer Infektion – das kann eine eitrige Wunde sein oder eine Lungenentzündung. Normalerweise vermag das Abwehrsystem des Körpers die Erkrankung an Ort und Stelle in Schach zu halten. Bei einer Sepsis dagegen brechen die Erreger aus dem ursprünglichen Herd aus: Sie gelangen in die Blutbahn und überschwemmen den Körper. Wenn Erreger im Blut zirkulieren, reagiert wiederum das Immunsystem heftig darauf.

Diese Kombination aus zirkulierenden Erregern und überschießendem Abwehrsystem setzt eine gefährliche Kettenreaktion in Gang, die zum Versagen ganzer Organe führen kann. "Deshalb ist eine frühe Diagnose enorm wichtig, letztlich zählt jede Stunde", sagt Manfred Thiel, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Uni-Klinik Mannheim-Heidelberg. Wenn eine Sepsis bereits so weit fortgeschritten ist, dass einzelne Organe versagen, wird es für Ärzte schwierig, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Das kommt auch in der Sterblichkeitsrate zum Ausdruck: Jede vierte Sepsis endet tödlich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

Dabei ist die Krankheit sehr verbreitet: 280.000 Menschen erkranken einer aktuellen Studie aus dem Ärzteblatt zufolge im Jahr allein in Deutschland daran. Experten gehen von bis zu 70.000 Sepsistoten im Jahr aus, damit wäre Sepsis für knapp acht Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Angesichts dieser Zahlen ist es erstaunlich, dass in der Gesellschaft und auch in der Medizin nicht mehr über die Sepsis zu hören ist. Obwohl die Erkrankung in der Ausbildung mehrmals vorkommt, haben in der Praxis wenige Ärzte bei der Diagnostik diese Möglichkeit im Hinterkopf. Einer der Gründe: Sepsis trifft überwiegend bestimmte Risikogruppen. Und bei einem Patienten ohne erkennbare Wunde wie Trumann ist die Diagnose erst recht schwierig.

Nach dem Besuch des ersten Arztes verschlechtert sich Trumanns Zustand weiter, schließlich ruft seine Frau den Notarzt. Der trifft ebenfalls nach 30 Minuten ein. Schon nach kurzer Untersuchung stellt er anhand der Befunde – erhöhter Puls, niedriger Blutdruck, Verwirrtheit – die richtige Diagnose: septischer Schock. Trumann wird mit Blaulicht in die Klinik gebracht, noch im Krankenwagen gibt der Arzt seinen Kollegen im Klinikum Bremen Mitte durch, worauf sie sich einstellen sollen: multiples Organversagen. Als Trumann auf der Intensivstation ankommt, erhält er ein Breitband-Antibiotikum, das den Erreger der Sepsis bekämpfen soll. Kurze Zeit danach verliert er das Bewusstsein. Man versetzt ihn für ein paar Tage in ein künstliches Koma. Nur ein paar Stunden nachdem Trumann etwas matt nach Hause gekommen ist, kämpfen die Ärzte um sein Leben.