Die Hamburger fahren weniger Auto. Noch weniger. Beiläufig, wie selbstverständlich, hat der Senat soeben Zahlen vorgelegt, die vielen aufgeregten Debatten der Hamburger Verkehrspolitik die Grundlage entziehen. Die Stadt wächst schneller denn je, allein 2015 kamen fast 25.000 neue Einwohner hinzu. Auf den Hamburger Straßen aber, das zeigen die Daten der automatischen Zählstellen, sind dennoch immer weniger Autos unterwegs.

Eine Momentaufnahme? Nein, ein stabiler Trend, inzwischen seit einem Vierteljahrhundert.

327 Zählstellen betreibt das Amt für Verkehr und Straßenwesen, wer möchte, kann sich die jeweils aktuellen Daten jederzeit im Internet ansehen. Ein Bild allerdings ergibt sich aus dieser Zahlenmasse nur durch eine systematische Auswertung. Die letzte Veröffentlichung ist mittlerweile vier Jahre alt, zwischenzeitlich hatten Fachleute wie der ADAC-Verkehrsexperte Carsten Willms angenommen, der Trend sei abgebrochen. Ein Irrtum, wie sich nun zeigt. Der Rückgang setzt sich fort.

Natürlich ist dies nicht der Abschied vom Auto, dazu sind die Veränderungen zu gering. Minus eineinhalb Prozent seit 2011 auf den sogenannten Stadtstraßen, das sind die größeren Straßen mit Ausnahme der Ringe und der Bundesstraßen ins Umland – das ist im Alltag nicht wahrnehmbar. Bemerkenswert ist diese Entwicklung aus einem anderen Grund: Im Vergleich zu 2011 leben fast 70.000 Menschen mehr in Hamburg. Mehr Menschen bedeuten mehr Verkehr, vor allem zu den Stoßzeiten. Aber dieser zusätzliche Verkehr ist eben kein Autoverkehr. Es kommen so viele Nutzer von Bussen, S- und U-Bahnen und so viele Radfahrer hinzu, dass die Straßen insgesamt sogar entlastet werden.

Mehr Hamburger, mehr Pendler – aber weniger Straßenverkehr

Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, als nicht nur die Zahl der Hamburger wächst, sondern auch die Zahl der Pendler. Auf den Autobahnen im Stadtgebiet drängen sich immer mehr Autos, auch auf den Bundesstraßen ins Umland registrieren die Zählanlagen mehr und mehr Fahrzeuge. Im Stadtgebiet aber, wo sich diese Pendler die Straßen mit den Einheimischen teilen, geht der Verkehr trotz des Ansturms aus den Nachbargemeinden insgesamt zurück, am stärksten in der Innenstadt, aber auch auf den meisten anderen Straßen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wie ist das möglich?

Im Senat sehen sie den Rückgang der Verkehrszahlen als Erfolg der eigenen Politik. "Die Hamburger Verkehrspolitik zielt auf eine Verlagerung von Kfz-Fahrten auf den ÖPNV und das Fahrrad." Man habe öffentliche Verkehrsmittel und Radwege ausgebaut, nun würden sie auch stärker genutzt. "Ein verändertes Mobilitätsverhalten führt daher zu geringeren Belastungen der Straßen."

Der CDU-Verkehrspolitiker Dennis Thering ist der schärfste Kritiker der Hamburger Verkehrspolitik. Gern verweist er auf die Zahl der angemeldeten Fahrzeuge, die nach wie vor steigt, weshalb er den Bau von Busspuren und Radwegen strikt ablehnt, sofern dafür Parkplätze geopfert werden. So werde das Geld "einseitig zulasten des motorisierten Individualverkehrs verpulvert", schimpft der CDU-Politiker.