Der deutsche Journalist Deniz Yücel wird in der Türkei festgenommen, und eine große deutsche Wochenzeitung nimmt diese Festnahme zum Anlass, einen Kommentar zu veröffentlichen, dessen Kernaussage lautet: Die Festnahme ist schlimm, aber wir müssen endlich darüber reden, dass die Zeitungen nicht mehr Klaus und Tanja, sondern Deniz und Özlem zu Korrespondenten machen. Doch dazu später mehr.

Früher, als die Redaktionen von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern noch vorwiegend westdeutsch, weiß und männlich waren, war die Antwort auf die Frage, welcher Redakteur über welches Thema oder aus welchem Land berichten solle, selbstverständlich. Der westdeutsche, weiße und männliche Journalist bestimmte den Blick auf das Land und die Welt. Auch den Blick auf "die anderen" im eigenen Land, die man damals noch "Ausländer" oder "Gastarbeiter" nannte.

Vor einigen Jahren allerdings hat sich die Zusammensetzung der Redaktionen (und nicht nur diese) geändert. Mit dem Mikrozensus aus dem Jahr 2005, der klarmachte, dass bereits 20 Prozent der in Deutschland Lebenden eine nicht nur deutsche Biografie haben, kamen einige kluge Entscheider zu dem Entschluss: Die Realität bei uns drinnen muss die Realität da draußen widerspiegeln. Die Kanakenbiografie, die einst ein Makel war, wurde zum Merkmal. Und weil gleichzeitig das Thema Integration immer drängender wurde, stürzten sich viele der neuen deutschen Journalisten auf dieses Thema.

Ich habe das als eine gute Entwicklung gesehen. Und auch wenn ich meine eigene Rolle immer wieder reflektiert habe: Lasse ich mich hier zur Türken-Erklärerin machen? Ist Finanzpolitik nicht vielleicht doch interessanter?, fand ich dann meistens: auf keinen Fall. Identität, Migration und Zusammenhalt in der Gesellschaft sind relevante Themen, die jahrelang Autoren mit rein deutschen Biografien beackert haben. Sie schrieben oft über eine Welt, die sie nicht gut kannten. Zu der sie schwer Zugänge bekamen. Die sie oft genug paternalistisch behandelten. Jetzt waren endlich auch die Stimmen der "anderen" zu hören. Diese Entwicklung war nicht deshalb gut, weil Migranten richtiger oder besser berichteten, nur weil sie Migranten waren, sondern weil sie es anders taten. Mit anderer Kenntnis etwa der kulturellen Codes, anderer Temperatur, anderer Sprache. Mal nachgiebiger, mal strenger als ihre herkunftsdeutschen Kollegen. Integration sah ich immer als ein deutsches Thema, kein Ghetto-Thema. Das hat den einen oder anderen Kollegen aber nicht davon abgehalten, mich immer wieder zu fragen (nicht ohne mitleidigen Blick): "Musst du als Türkin eigentlich über Türkenthemen schreiben?"

Vor Kurzem begann wieder eine neue Entwicklung: Einige Journalisten nicht deutscher Herkunft werden Auslandskorrespondenten in den Heimatländern ihrer Eltern. Das ist keine automatische Entwicklung, etliche haben schlichtweg andere Interessen. Mittlerweile sind Migrantinnen leitende Redakteurinnen in Unterhaltungsressorts bei Boulevard-Blättern oder stellvertretende Ressortleiterinnen bei großen Magazinen, Lokalreporter, Tagesthemen-Sprecherinnen oder Wetteransager im Fernsehen. Aber auf manche übt das Land, das die Eltern seinerzeit verlassen haben, große Anziehungskraft aus. Thematisch und vielleicht auch emotional.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 23.2.2017.

An dieser Stelle kommen wir zurück zu Deniz Yücel. Seit fast zwei Jahren ist er Korrespondent der Welt in der Türkei, einem Land, in dem regierungskritische Journalisten aus dem Inland massiv unter Druck stehen. Yücel ist ein provokativer und leidenschaftlicher Autor, fast schon obsessiv in seiner Präzision. Einer, dem jeder 30-Zeiler wichtiger ist als die Einrichtung seiner Wohnung.

Nun wurde dieser Kollege festgenommen, wie so viele unserer türkischen Kollegen vor ihm. Die Staatsanwaltschaft wirft Yücel Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch und Terrorpropaganda vor. Er hatte, wie einige andere türkische und internationale Journalisten, über E-Mails des türkischen Energieministers, eines Schwiegersohns von Präsident Erdoğan, berichtet, die das türkische Hacker-Kollektiv RedHack geleakt hatte. In seinen Berichten ging es um politisch Brisantes, nicht um Privates. Weil Yücel Doppelstaatler ist, behandeln ihn die türkischen Behörden im Land wie einen Türken. Es ist neu, dass ein deutscher Journalist in der Türkei festgenommen wurde.

Laut seinen Anwälten geht es Yücel den Umständen entsprechend gut. Ein Zahn macht ihm zu schaffen, und wer ihn kennt, der kann sich leicht vorstellen, wie sehr ihm das Rauchverbot während der Inhaftierung auf den Zeiger gehen dürfte.

Nun hat diese Festnahme nicht nur Solidarität ausgelöst, sondern auch einen Artikel, der vor einigen Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) erschien und auf wenigen Zeilen vieles von der Entwicklung infrage stellt, die ich anfangs beschrieben habe. Der Artikel nutzt die gefährliche und schmerzhafte Situation von Yücel dazu, eine Frage aufzuwerfen, die scheinbar endlich mal wieder gestellt werden musste: die ewige Frage nach der Zugehörigkeit, nach dem Status und der Loyalität von Menschen in Deutschland, die nicht nur eine deutsche Herkunft haben. Es geht also um Menschen wie Deniz Yücel. Oder wie mich, auch ich werde in dem Kommentar erwähnt.

Der Autor Michael Martens ist ein kenntnisreicher Auslandskorrespondent, der auch einige Zeit in der Türkei gelebt hat und noch immer von dort berichtet. Die Kernaussage seines Kommentars mit dem Titel Für immer Türke (online Einmal Türke, immer Türke?) lautet: Es sei zwar eine Riesensauerei, dass Deniz Yücel festgenommen worden sei – "Aber vielleicht sollte man auch darauf hoffen, dass deutsche Verlage ihre Entsendungspolitik überdenken und neu überlegen, welche Korrespondenten sie in welches Land schicken. Denn gerade im Fall der Türkei beugen sich manche Häuser indirekt dem Nationalismus des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan: einmal Türke, immer Türke."