Übersetzt heißt das: Der Deutsche schickt den Kanaken in die alte Heimat, der dann damit irgendwie nicht klarkommt und letzten Endes im Knast landet. Arme Gastarbeiterkinder wie Deniz Yücel oder ich, Türken also, werden von den Deutschen auf unser Türkischsein reduziert und dürfen nur über Türkisches schreiben. Der Autor nimmt an, dass wir allein aufgrund unserer Herkunft als Berichterstatter für die Türkei ausgewählt worden seien, von "Herkunftsghettoisierung" ist die Rede und von "Türken vom Dienst", die das Land "fließend missverstehen" könnten, auch wenn sie die Sprache fließend sprechen.

Martens glaubt, dass er uns armen Türkenkindern etwas Gutes tut, indem er ach so missliebige Fragen stellt. Er merkt gar nicht, wie er sich selbst immer tiefer in die Erdoğan-Logik verstrickt. Wie er sich "dem Nationalismus des türkischen Präsidenten beugt".

In Martens Logik werden wir "geschickt", wir sind Opfer unserer Chefredaktionen, willenlose Kreaturen, die auf den deutschen Meister hören: Gehst du Türkei, Ali! Schreibst du fieses Zeug über den Türk! Ja, Meister.

Objekt statt Subjekt, fehlt nur noch, dass sie uns in die Münder schauen, so wie unseren Eltern damals, und den Zustand unserer Zähne begutachten. Aber verdammt, nix mehr nur Fließband bei Opel und Mercedes! Die Anderen bestimmen jetzt mit, man hört ihre Stimmen, sie sind meinungsbildend, und das auch noch über einen der schwierigsten Partner Deutschlands. Kann das mit rechten Dingen zugehen? Kann ein deutscher Türke "objektiv" über die Türkei berichten? Kriegt der das klar mit seiner Biografie? Nun, das ist ein legitimes Thema, das Kollege Martens anspricht – ich denke oft über meine Rolle nach, wie auch nicht. Die türkische Regierung unterstellt uns fortlaufend, wir würden uns vereinnahmen lassen. Deutsche Kollegen anscheinend auch.

In einem Moment also, in dem einem deutschtürkischen Journalisten das denkbar Schlimmste vorgeworfen wird, nämlich Verrat und Terrorismus, stellt Martens dessen Fähigkeit zur Differenzierung infrage, und zwar nicht aufgrund womöglich intellektueller oder beruflicher Mängel, sondern einfach aufgrund seiner Herkunft. Er hätte auch schreiben können: Türken haben eine Biografie, Deutsche nichts außer klarem Sachverstand und einem normalen Leben.

Interessanterweise ist eine ähnliche Argumentation regelmäßig aus der Welt der Anhänger der türkischen Regierung zu hören, es ist die komplementäre Denkschule. Im besten Falle ist da die immer währende nebulöse Forderung nach mehr Objektivität, weil "wir" die türkische Regierung für ihre autoritäre Haltung kritisierten – als ob es keine regierungskritischen Türken gäbe – oder in die türkischen Kurdengebiete fahren, um über die desolate Situation dort zu berichten. "Wir" deutschtürkischen Journalisten machen demnach unser Land schlecht (gemeint ist die Türkei; je nach Laune sind wir Deutsche oder Türken), schreiben im Auftrag unserer türkenfeindlichen Redaktionen oder der Bundesregierung. "Wir" wollen uns den Deutschen nur andienen; "wir" sind gar keine "echten" Türken, sondern Vaterlandsverräter, PKK-Sympathisanten. Oder doch Armenier? "Wir" haben eine versteckte Agenda.

Dabei ist es eigentlich nur so: "Wir" können in allem objektiv sein. Nur nicht, wenn es um Demokratie, um Grund- und Minderheitenrechten, um Presse- und Meinungsfreiheit geht. Das ist dann keine Geschmacksfrage mehr.

Und dann ist da noch die Sache mit der Liebe. In einem Tweet nach Yücels Festnahme schrieb ich, dass er die Türkei liebe. Der Autor der FAS hat diese Aussage zitiert und gefragt, ob es gut sei, "ein Land zu lieben, über das man berichtet".

Merkwürdig. Niemand würde es problematisieren, dass ein Italiener über Italien oder ein deutscher Journalist, der eine Zuneigung zu seinem Land verspürt, über deutsche Innenpolitik berichtet. Aber ein Türke, der die Türkei mag? Das geht natürlich nicht.

Ja, es stimmt, die Türkei ist für Leute wie Yücel oder mich kein Land wie, sagen wir, Uganda oder Malta. Als Jugendliche haben wir alles Türkische von uns weggestoßen, als junge Erwachsene und Journalisten uns wenig für das lange stagnierende Land interessiert, in dem alle zehn Jahre ein Militärputsch stattfand und die Zeit dazwischen auch nicht sehr rosig war. Doch plötzlich tat sich da etwas: Tayyip Erdoğan kam an die Macht. Er tauschte allerdings schnell die Rolle des Reformers gegen die des autoritären Regenten und beschwor damit die Gezi-Proteste herauf. Menschen aus allen politischen Milieus demonstrierten für Demokratie, Selbstbestimmung, Freiheit und Frieden. Es war das schönste Gesicht, das die Türkei jemals gezeigt hat. Dieses Gesicht ist immer noch da, man kann es sehen, wenn man ganz genau hinschaut. Es ist eines, das man lieben kann, ja. Warum auch nicht?

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