Bambu Indah, "Schöner Bambus": Ich sitze in meinem Hotelzimmer, einem Baumhaus, komplett aus Bambus. Dem schönsten, verspieltesten und luxuriösesten Baumhaus, das man sich vorstellen kann, einer Dschungelfantasie wie aus einem Kinderbuch. Rund, wie ein offener Korb, hängt es in den Palmwipfeln, öffnet sich zu den Reisterrassen, die sich im sattesten Grün bis zum Horizont stapeln. Das weiße Leinen des Bambus-Himmelbettes bläht sich sanft. Ein Blatt fällt in die kupferne Badewanne, die an der Kante des Baumhauses steht. Ich trinke Kopi Bali, balinesischen Kaffee, und werde dabei in meinem Bambuskörbchen vom Wind gewiegt.

Bambu Indah heißt das Hotel, zu dem dieses Baumhaus gehört, und es ist so schön, dass einem die Sinne schwinden. Das Bambu Indah ist ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene, es liegt zu beiden Seiten einer Schlucht, durch die ein Fluss fließt. Um vom Baumhaus zum Restaurant zu gelangen, gehe ich hinunter ans Wasser und über eine Hängebrücke ans andere, steilere Ufer. Dann 110 Treppenstufen hinauf, geschmückt mit irdenen Teekännchen, aus denen bei Dunkelheit Ölflämmchen züngeln.

Oben zeigt sich die Hotelanlage in ihrer ganzen Pracht: Um das Bambusgebäude, in dem das Restaurant untergebracht ist, gruppieren sich antike Häuschen, die von den verschiedenen Inseln Indonesiens stammen, dort abgebaut und hier wieder aufgebaut wurden. Dazwischen ragt das Prunkstück des Bambu Indah auf, ein geschwungener Yoga- und Meditationspavillon aus geschwärztem Bambus. Gemüsebeete ziehen sich über die ganze Anlage, das vorwiegend vegetarische Essen im Dapoer, dem Hotelrestaurant, kommt von den eigenen Beeten.

Vor mir geht die Sonne in schimmerndem Rosé unter, im Zeitraffer wird es dunkel, so nah am Äquator. Bald zeichnen sich große Schattenrisse vor dem Himmel der Tropennacht ab – die schwarzen Silhouetten der riesigen Bambushalme, die hier überall wachsen.

Der Bambus ist der Grund für meine Reise. In den letzten Jahren hat der traditionelle Baustoff eine unglaubliche Karriere hingelegt, die ich mir genauer anschauen will.

Verehrt wird der Bambus auf Bali, in ganz Südostasien schon lange; er bildet eine der Lebensgrundlagen für 1,5 Milliarden Menschen. Früher nutzte man Boote aus Bambus, um von einer der gut 17.000 indonesischen Inseln zur anderen zu kommen. Bis heute werden die Schoten des Bambus gegessen, er wird zum Kochen verfeuert, seine Milch für Kosmetika verwendet. Man baut Geräte, Karren, Möbel, Musikinstrumente aus den Halmen, Brücken, Gerüste, Hütten und Ställe. Nur nie: mehrstöckige Wohnhäuser. Denn unbehandelter Bambus verwittert nach ein paar Jahren, Termiten und Sonne machen ihn brüchig. Und behandelter wird auf Bali traditionell nur für kleinere Gegenstände genutzt.

Doch nahe Ubud, dem alten Königsstädtchen im Herzen von Bali, wo sich das Bambu Indah befindet, entsteht aus Bambus gerade radikal Neues: Häuser, bis zu sechs Stockwerke hoch, Kathedralen aus Schwingung und Licht, vollkommen aus Bambus errichtet. Die Frau, die diese bewohnbaren Kunstwerke entwirft und auch das Baumhaus des Hotels ersonnen hat, heißt Elora Hardy. Sie ist die Tochter eines amerikanisch-kanadischen Künstlerpaares und auf Bali aufgewachsen. Sieben Jahre lang war sie Designerin für Donna Karan in New York, verantwortlich für die Prints der teuren italienischen Stoffe. Elora Hardys Muster – auch damals schon: floral, organisch, die Natur imitierend – schafften es auf die Titelseiten von Vogue und Harper’s Bazaar, wurden auf Laufstegen von Paris bis Mailand gezeigt. Doch vor sechs Jahren kehrte sie nach Bali zurück, gründete die Design- und Architekturfirma Ibuku – und schenkt nun nicht mehr edlen Stoffen, sondern dem bescheidenen Bambus Glamour. Auf denkbar nachhaltige Weise.

Elora Hardy, 35, feenhaft, dunkles Haar, zum lockeren Dutt gebunden, Sandalen an den Füßen und ein leichtes, gebatiktes Kleid um die grazile Gestalt, kommt mir am nächsten Morgen auf der Hängebrücke des Bambu Indah entgegen. Das Hotel gehört ihrem Vater, John Hardy. "Auf Bali wird einem die Liebe zur Schönheit und Harmonie in die Wiege gelegt", sagt sie, als wir von der Brücke auf die gluckernden Reisterrassen schauen, die das Baumhaus umgeben. Jetzt, in der Regenzeit, strahlen sie in fluoreszierendem Grün, ihre Kaskaden formen die Landschaft zur Skulptur.