Die Macht ist weiblich – und ostdeutsch

Am 24. September wird der Bundestag gewählt – und die Frage, wer künftig das Land regiert, entscheidet sich nicht nur zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Tatsächlich war der Wahlkampf nie so ostdeutsch und weiblich wie 2017.

Neben der Bundeskanzlerin sind bereits zwei weitere Ost-Frauen als Spitzenkandidatinnen ihrer Parteien nominiert. Katrin Göring-Eckardt wird an der Seite von Cem Özdemir für die Grünen antreten, Sahra Wagenknecht als Teil einer ostdeutschen Linken-Doppelspitze mit Dietmar Bartsch. Die AfD hält ihren entscheidenden Parteitag erst im April ab – alles andere als eine Wahl von Parteichefin Frauke Petry ins Spitzenteam wäre eine größere Überraschung.

Sie sind überzeugt

Ob christlich oder nicht – alle vier haben ihren Glauben

Von Anne Hähnig

Wer Katrin Göring-Eckardt, Angela Merkel, Frauke Petry und sogar Sahra Wagenknecht etwas wirklich Gefühlvolles entlocken will, der sollte sie nach ihrem Glauben fragen.

Wir seien umfangen "von der Liebe Gottes", sagte Angela Merkel bei einer Rede vor der Katholischen Akademie 2009. Damals wunderten sich einige anwesende Journalisten: Von Liebe hatten sie die CDU-Kanzlerin bisher selten reden hören. Sie suche in der Kirche das Emotionale, erzählte Merkel ihrem Biografen Volker Resing: "Ich liebe es zum Beispiel, in Gottesdiensten zu singen." Resing kam zu der Erkenntnis, dass Merkel mehr Protestantin als Physikerin sei.

Katrin Göring-Eckardt, die viele Jahre Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche war, spricht öffentlich noch seltener über ihre Gefühle, aber wenn es um Glauben geht, wird sie pathetisch: "Mehr zu Hause fühlen als im protestantischen Glauben kann ich mich nicht", sagte sie. Jeder Tag beginne für sie mit einem Bibelvers und ende mit einem Gebet. Kein Ort sei für sie beruhigender als eine Kirche.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 10 vom 2.3.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

AfD-Parteichefin Frauke Petry hat kundgetan, der Glaube sei "Bestandteil meines Lebens", auf der Orgel spiele sie gern "Jesu, meine Freude", mit ihren Kindern singe sie Kirchentagslieder. Auch nach der Trennung von ihrem ersten Mann, der Pfarrer ist, hat man sie noch bei dessen Gottesdiensten gesehen.

Und sogar Sahra Wagenknecht – die Einzige unter den Ost-Spitzenkandidatinnen, die nicht christlich ist – spricht über den Glauben voller Gefühl: "Es wäre schön, an ein Danach glauben zu können. Aber das kann ich nicht", hat sie einem Journalisten gesagt. Sie habe, so Wagenknecht, großen Respekt vor Menschen, die aus ihrem Glauben die Kraft schöpften, sich etwa für eine bessere Welt zu engagieren. Einmal hat sie eingestanden, dass der Marxismus "auch eine Art Glauben" für sie sei.

Wie kommt das eigentlich? Dass ausgerechnet Frauen aus der Diaspora so sehr aus ihrem Glauben heraus Politik machen? Na ja: Vielleicht ist der Umstand, dass ausgerechnet die Religion drei von vier Spitzenkandidatinnen miteinander verbindet, weniger Zufall als gedacht. Ist es nicht vielmehr so, dass gerade der Glaube diese Frauen politisch gemacht hat?

Es sind Geschichten über Befreiung und Engagement, die sie erzählen, wenn sie von der Kirche reden. Das ist ja ohnehin die nächste bizarre Parallele: Sowohl Göring-Eckardt als auch Petry sind oder waren mit Pfarrern verheiratet. Und Angela Merkel ist im Pfarrhaus aufgewachsen. Als junge Frau war Angela Merkel in der Berliner Gethsemane-Gemeinde aktiv, suchte ihre Nische. Katrin Göring Eckardt ging als Jugendliche zur Jungen Gemeinde, weil sie dort frei denken und frei reden konnte. Und für Frauke Petry hat es nach ihrer eigenen Aussage in der DDR zwei Orte gegeben, an denen "die Politik geradegerückt" wurde: den heimischen Kaffeetisch – und die Kirchengemeinde.

Für sie alle hat ihr Protestantismus ursprünglich etwas mit Freiheit zu tun. Aber sie ziehen daraus unterschiedliche Schlüsse. Man merkt das besonders deutlich, wenn es um die Muslime im Land geht. Während Frauke Petry regelmäßig die Gefahr wittert, muslimische Traditionen könnten christliche verdrängen, sagt Angela Merkel, sie habe keine Furcht vor Islamisierung: "Die Muslime und ihre Religion, der Islam, sind Teil unseres Landes. Ich sehe eher für Christen die Notwendigkeit, noch mehr und selbstbewusst über ihre christlichen Werte zu sprechen." Das hieß so viel wie: Beschwert euch nicht über Muslime. Seid lieber bessere Christen.

Man könne nicht mit der Bibel in der Hand Politik machen, findet auch Göring-Eckardt. Und wieder Merkel: "Ich werde immer etwas stutzig, wenn gerade Christen in den schwierigsten Fragen zu allzu schnellen Ergebnissen kommen wollen." Der Glaube ist für sie eher Schutz als Programm, "Schutz vor Allmachtsfantasien" hat es Merkel genannt, Schutz auch vor überzogenen Erwartungen an sich selbst, weil "wir unvollkommen sind" – auch das hat Angela Merkel gesagt. Das ist die Lehre aus der DDR. Das ist der Grund dafür, dass christliche Frauen aus dem Osten alles mitgebracht haben, um ganz nach oben zu kommen: weil sich Geschichte und Einsicht verbinden.

Frauke Petry reagiert selten auf persönliche Kritik, es sei denn, die Vorwürfe kommen von Kirchenvertretern. Mit der Behauptung, eine bestimmte Meinung verbiete sich für eine Christin, kann man sie provozieren. Dann empört sie sich: Die Position mancher Kirchenvertreter in der Flüchtlingspolitik jedenfalls finde sie "verlogen". Und: "Als Christin" finde sie es befremdlich, wenn der Katholikentag AfD-Vertreter auslade. "Das wäre Luther zuwider gewesen."

Das öffentliche Reden über Glauben ist etwas, das diese Frauen lernen mussten. "Lange Zeit habe ich über alles Mögliche geredet, nur nicht über meinen Glauben", hat Katrin Göring-Eckardt gesagt, und Merkel zeigte sich lange Jahre kaum als Protestantin. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass der Glauben einst zu DDR-Zeiten etwas war, das man lieber im Privaten hielt. Über Angela Merkel ist jedenfalls bekannt, dass sie es nicht sonderlich schätzt, wenn das Christliche aufgesetzt daherkommt. Klar ist: Wer sich durch Religion einst befreit fühlte, der lässt sich durch selbige vielleicht bestärken – aber sicher nicht begrenzen.