Dieses Logo hätte keine noch so hippe, coole Werbeagentur der Welt je erfinden können. Man nehme ein Ringbuch, reiße eine Seite heraus und beginne um eine frei bleibende Mitte herum ovale Kreise zu ziehen. Nicht akkurat geometrisch, sondern kritzelig-wild, ja chaotisch, Fahrt aufnehmend mit dem Stift, wie Kinder es tun. Oder Künstler. Am Ende sieht das Ganze aus wie ein verbrutzeltes Spiegelei. Oder wie die Urskizze des Oval Office. Für Assoziationen jedenfalls ist gesorgt, im Logo wie in Berlins brandneuem, traumschönem Kammermusiksaal, für den es steht, sodass selbst eine nüchterne Rednerin wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters schwärmt, hier habe ein "Luftschloss" Gestalt angenommen.

Bei Daniel Barenboim klingt das eher dialektisch: "Das Unmögliche ist einfacher als das Schwierige", sagt er und bläst eine voluminöse Zigarrenwolke in die Luft ("Darf ich rauchen? Sagen Sie mir, wenn ich es nicht darf!"). Barenboim ist der Spiritus Rector jenes kleinen, feinen Konzertsaals nebst kleiner, feiner Musikhochschule, der nächste Woche eröffnet wird, der Luftschlossherr also, um in der ministeriellen Metaphorik zu bleiben. Ohne ihn, der seit 1992 Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper ist, gäbe es dieses Wunder nicht. Eine Tat wie ein Ausrufezeichen. Und das hat auch damit zu tun, dass sich viele Barenboim-Sätze wie Wannen der Weisheit anfühlen, in die man sich legen möchte, weil sie versprechen, die Welt auch dann besser zu machen, wenn man sie nicht ganz versteht, diese Sätze, die er im Übrigen nicht nur einmal sagt.

Womit wir dem Erfolgsrezept des argentinisch-israelischen Dirigenten mit palästinensischem Pass und Wohnsitz in Berlin recht nahe sein dürften. Es lautet: Dem einen das andere entgegenzusetzen, der Politik die Kunst und der Kunst die Politik – und dies so zu tun, dass es weder pflichtschuldig noch anbiedernd, noch hypertroph wirkt, sondern visionär. Und irgendwie logisch.

Barenboim sagt außerdem: Lerne nicht nur aus dem Leben für die Musik, sondern auch aus der Musik fürs Leben. Diese Sentenz könnte die Barenboim-Said Akademie (wie die Hochschule mit vollem Namen heißt) als Motto zieren, nicht nur im übertragenen Sinn. Die Akademie begreift sich in der Tradition des von Barenboim und dem 2003 verstorbenen amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said gegründeten West-Eastern Divan Orchestra – und will viel mehr sein als eine private Musikhochschule. Dass sie einerseits dem Berliner Hochschulgesetz unterliegt und andererseits vom Bund finanziert wird, ist juristisch ohnehin ziemlich schräg, außerdem weckt sie unter den beiden staatlichen Berliner Großhochschulen, der "Hanns Eisler" im Osten und der Universität der Künste im Westen, natürlich Eifersüchteleien. Was diese so niemals sagen würden.

Die derzeit 36 Akademisten der "Barenboim-Said" (90 können es werden) stammen vornehmlich aus dem Nahen Osten, aus Israel, Palästina, Syrien, Jordanien, Ägypten und vermehrt auch aus dem Iran. Wie ihre fortgeschrittenen Kollegen im Divan Orchestra sollen sie über die Musik und jenseits aller politischen, religiösen oder territorialen Konflikte erfahren, was Gleichheit ist, ja wie man Gleichheit lebt. Neben dem jeweiligen Instrument stehen als Pflichtfächer Klavier und Musiktheorie auf dem Lehrplan sowie, mit zwei Doppelstunden pro Woche, die sogenannten Humanities: Philosophie, Literatur, Geschichte und Musikwissenschaft. Unterrichtet wird auf Englisch, wer das nicht gut genug kann, erhält Nachhilfe am British Council. Die Studenten sollen lernen zu denken, wünscht sich Barenboim: "Es gibt großartige Musiker, die nie denken. Viele haben eine wunderbare Intuition, aber das ist nicht alles. Gerade die Begabten vergessen gern, wozu es eigentlich gut ist, acht Stunden am Tag zu üben."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Wir sitzen in Barenboims Büro im zweiten Stock der Akademie, trotz Zigarre riecht es neu, und weil er anschließend noch ein Fotoshooting hat, trägt Barenboim an diesem Nachmittag Anzug mit Weste, was nicht nur wegen der Reserve-Cohiba in der Brusttasche ein bisschen mafiös aussieht. Dem Musiker Barenboim, dem Pianisten wie dem Dirigenten, wird gern das Gegenteil von dem vorgeworfen, was er selbst als Anspruch der Akademie formuliert: Er denke nicht zu wenig, sondern gewissermaßen zu viel. Er halte sich nicht daran, dass es gut sei, acht Stunden am Tag zu üben, sondern übe weniger, weil er so viele Ideen im Kopf habe, so viele Projekte wälze und so viele Stiftungen unterhalte. Und natürlich auch deshalb, weil sein überbordendes musikalisches Talent ihn dazu verführe. Über die Frage "Wozu Musik?" hat Daniel Barenboim Vorlesungen gehalten und Bücher geschrieben. Dass er seinen Karriereradius in den letzten Jahren kleiner hat werden lassen, um sich stärker auf Berlin zu fokussieren, ohne dauernd nach Chicago zu pendeln oder an die Mailänder Scala, mag ein Zugeständnis ans Alter sein. Vor allem aber ist es, und das glaubt man ihm, ein Bekenntnis: zu Edward Saids Prognose, sie beide würden vom West-Eastern Divan Orchestra am Ende mehr profitieren als das Orchester von ihnen. Was für die Akademie natürlich erst recht gilt, und irgendwie ist es ein schöner Gedanke, dass sich hier ein 74-Jähriger noch einmal auf den Hosenboden setzt, den inneren.

Der akademische Lehrbetrieb läuft seit Anfang Dezember, am 4. März wurde auch der Konzertsaal eingeweiht. Auf dem dreistündigen Programm standen Werke von Barenboims Musikerfreund Pierre Boulez (dessen Namen der Saal trägt), von Schubert, Mozart, Alban Berg und Jörg Widmann. Saal und Akademie liegen, gut getarnt, hinter der denkmalgeschützten Fassade des ehemaligen Magazingebäudes der Staatsoper an der Französischen Straße. Draußen reinster sozialistischer Klassizismus der 1950er Jahre, drinnen Fabrikcharme, grob gespachtelte Wände, rotes Linoleum und viel kanadische Zeder. Wo früher Kulissen vor sich hin staubten, wird heute Musik gemacht.

Im Erdgeschoss gibt es ein Café, das dreistöckige, kathedralisch anmutende Foyer bietet Platz für Ausstellungen, kurzum: ein offenes Haus. Das will etwa der Berliner Philharmonie – um einen innerstädtischen Vergleich zu wagen – seit Jahren nicht gelingen, aus vielerlei Gründen. Insofern dürften die Philharmoniker, die neben Scharouns großem Saal auch den kleineren Kammermusiksaal betreiben, Barenboims Aktivitäten mit Argwohn verfolgen. Was sie so natürlich niemals sagen würden.