Sedat Şimşek ist vorsichtig geworden. Fragen von Journalisten, sagt der Vorstand der Ditib-Gemeinden in Norddeutschland, beantworte er nur noch schriftlich. Das sei bei der derzeitigen Lage sicherer, die Gefahr von Missverständnissen kleiner. "Ich muss präzise sein", sagt Şimşek.

Missverständnisse gab es zuletzt zuhauf, das ist kaum zu leugnen. So viele, dass sie sich inzwischen zu einer echten Krise verdichtet haben.

Ditib, der türkische Islamverband, steht seit Monaten in der Kritik. Bundesweit, weil einige Imame offenbar Gegner des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ausspioniert haben, im Auftrag Ankaras. Im Norden sind solche Fälle bislang nicht bekannt, dafür verstärken sich in Hamburg die Zweifel an den Einstellungen von Ditib-Mitgliedern und Funktionären, je länger Reporter rund um den Verband recherchieren.

Jüngstes Beispiel sind die Entwicklungen in einer Wilhelmsburger Moschee. Der NDR hat herausgefunden, welch fragwürdiges Islam- und Demokratieverständnis einige Ditib-Mitglieder dort haben. So stießen die Journalisten auf Zitate von türkischen Imamen, die Ishak Kocaman, der Vorsitzende der Wilhelmsburger Muradiye-Camii-Moschee, auf Facebook veröffentlicht hatte. Erstens: "Demokratie ist für uns nicht bindend ... Uns bindet Allahs Buch, der Koran." Und zweitens: "Ich spucke auf das Gesicht der Türken und Kurden, die nicht islamisch leben. Was für einen Wert haben sie schon, wenn sie keine Muslime sind." Außerdem waren in dem Fernsehbeitrag jugendliche Ditib-Mitglieder der Gemeinde zu sehen, die während einer vom Verband organisierten Reise nach Mekka Sprechchöre wie diesen riefen: "Verdamme und vernichte sie!" Einer dieser Jugendlichen adressierte später ein Facebook-Posting direkt an Erdoğan: "Mein Führer, gib uns den Befehl, und wir zerschlagen Deutschland."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Für CDU-Fraktionschef André Trepoll ist damit eine Grenze überschritten. Hastig berief er nach Veröffentlichung des NDR-Beitrags eine Pressekonferenz ein, in der er die Aussetzung des Vertrags der Stadt mit den muslimischen Verbänden forderte. "Niemand käme auf die Idee, mit Extremisten einen Dialog zu führen, geschweige denn einen Staatsvertrag zu schließen", sagte Trepoll im Rathaus. Warum also das Abkommen mit Ditib, angesichts solcher Mitglieder?

Anders als in den meisten Bundesländern ist Ditib in Hamburg seit vier Jahren mit anderen Islamverbänden Vertragspartner der Stadt. Das Abkommen legt beispielsweise fest, dass die Verbände den interkonfessionellen Religionsunterricht mitentwickeln dürfen und dass sie einige islamische Feiertage garantiert bekommen. Alles auf der Grundlage gemeinsamer Werte: Die Vertragsparteien, heißt es im Vertrag, "sind sich einig in der Ächtung von Gewalt und Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Glauben oder religiöser oder politischer Anschauungen und werden gemeinsam dagegen eintreten".

"In der jetzigen Situation braucht es ein Signal der Stärke", fordert die CDU

Die Recherchen des NDR aus Wilhelmsburg offenbaren also einen deutlichen Verstoß gegen die Grundsätze des Vertrags. Nur welche Konsequenz zieht man daraus? Da gehen die Meinungen in der Politik auseinander.

CDU-Chef Trepoll fordert, den Vertrag auszusetzen. "In der jetzigen Situation braucht es ein Signal der Stärke", sagt er. Man müsse zeigen, "dass man so ein Verhalten grundsätzlich nicht toleriert." Seit Erdoğan die Türkei systematisch gleichschalte, gehe auch die Entwicklung Ditibs "ausschließlich in eine Richtung: die türkisch-nationalistische". Für Trepoll passt es da ins Bild, dass offenbar auch in Ditib-Moscheen Tickets für ein Theaterstück verkauft wurden, das voriges Wochenende in Wilhelmsburg aufgeführt wurde: "Letzte Bastion Türkei" lautet der Titel übersetzt. Andernorts wurde die Aufführung des als nationalistisch geltenden Stücks verboten, in Hamburg fand sie statt. Das alles zeige, so Trepoll: Der Vertrag mit der Stadt habe die Entwicklung Ditibs nicht positiv beeinflusst. Also nütze es auch nichts, das Abkommen aufrechtzuerhalten. Sinnvoller sei es, die Zusammenarbeit auszusetzen, bis Ditib sich reformiert habe – im Dialog könne man ja auch ohne Vertrag bleiben.