Einst duftete es in Lina Zuletas Küche nach Maisfladen, denn die aß die junge Frau jeden Tag. Zum Frühstück frisch gebacken mit Butter, Käse und Wurst, abends frittiert. "Deftig und reichhaltig, so isst man in meiner Heimat", sagt die 37-jährige Kolumbianerin, die seit acht Jahren in Deutschland lebt. Heute hängt eine Excel-Tabelle in Zuletas Küche: "Früchte zum Frühstück!", steht in der linken Spalte. Warum, das ist rechts daneben nachzulesen: "Entgiftung!"

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Die Lista Alimentos anticáncer, die "Antikrebsliste", hat Linas Schwester nach der Diagnose im Herbst 2015 zusammengestellt. Lina Zuleta kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als ihr Speiseplan plötzlich aus Verboten und Ausrufezeichen bestand. Fast jeder, dem sie vom Tumor in ihrer Brust erzählte, hatte Ratschläge parat. Lina solle Zucker und bestimmte Kohlenhydrate meiden, sagte jemand. Auf Tierprodukte solle sie verzichten, riet ihr Freund, der gelesen hatte, dass tierisches Eiweiß krebsfördernd wirke. Davon wiederum wollte die Mutter nichts hören: Lina müsse jetzt besonders viel Fleisch essen, ihr Körper brauche Kraft. Fisch, Fleisch und Joghurt waren laut der Antikrebsliste der Schwester ausdrücklich erlaubt, ja sogar "krebshemmend" – und diese Liste stützte sich auf immerhin drei verschiedene Ratgeberbücher.

"Es war total verwirrend", sagt Lina Zuleta. Egal was sie zu sich nahm oder worauf sie verzichtete – immer verstieß sie gegen irgendjemandes Regel, immer machte ihr einer Vorwürfe. Als liege es allein in der Verantwortung der Kranken, wieder gesund zu werden. In der Hoffnung, endlich klare Anweisungen zu bekommen, vereinbarte sie einen Termin bei einer Ernährungsberaterin. Auf wen soll ich hören?, lautete Linas erste Frage. Und die zweite: Welche Nahrung hilft wirklich gegen Krebs?

Elvira Rotau hört solche Fragen oft. Die Kölner Ökotrophologin ist überzeugt, dass Ernährung bei Krebs eine bedeutsame Rolle spielt – als unterstützende Maßnahme, begleitend zur Therapie. "Eine individuelle Ernährungstherapie kann kranken Menschen helfen, ihr Leiden besser zu bewältigen", sagt sie. Aber die Betroffenen erwarten häufig mehr. "Manche glauben fest daran, dass sie wieder gesund werden, wenn sie sich an bestimmte Verbote halten."

Wer wissen will, auf welchem Boden solche Hoffnungen wachsen, werfe einen Blick in die Ratgeberecke einer größeren Buchhandlung. Titel wie Die neue Anti-Krebs-Ernährung, Das große Kochbuch gegen Rheuma oder Das MS-Kochbuch erwecken den Eindruck, selbst chronische und unheilbare Leiden ließen sich niederringen – wenn man bloß das Richtige isst. "Alzheimer ist heilbar", behauptet der Freiburger Arzt Michael Nehls in seinem gleichnamigen Bestseller – sofern die Betroffenen ihr Leben ändern und etwa bestimmte Fette zu sich nehmen und Süßigkeiten weglassen. Auch im Internet werden Wunder in Aussicht gestellt. Kliniken, Heilpraktiker und Mediziner werben dort mit selbst erdachten Ernährungsplänen, die Menschen von schwersten Leiden wie Multipler Sklerose, Krebs und Demenz befreien sollen – ganz natürlich und ohne Arznei.

Ausgewogene Ernährung hält gesund. Aber kann man auch gegen Krebs und Alzheimer anessen?

Schwerkranke ersehnen solche Botschaften, sie wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und Hoffnung schöpfen. Der Gedanke, über das Essen Einfluss zu nehmen, liegt da nahe: Seit Jahrzehnten predigen Forscher, gesunde Ernährung könne Krankheiten vorbeugen, warum sollte sie nicht auch heilen? Kann man also gegen Krankheiten anessen?

Hinter jedem hoffnungsgeladenen Ernährungskonzept steckt eine Geschichte, denn die Idee vermeintlicher Heildiäten beginnt oft mit einer spannenden Entdeckung: So fiel dem amerikanischen Arzt Roy Swank in den 1940ern bei einem Forschungsaufenthalt in Norwegen auf, dass im Landesinneren deutlich mehr Norweger an Multipler Sklerose litten als an den Küsten. Wie das Nervenleiden abläuft, wusste Swank: Chronische Entzündungen in Rückenmark und Gehirn schädigen das zentrale Nervensystem, das führt zu Müdigkeitsanfällen, Lähmungen, Krämpfen und Sinnesstörungen. Bloß: Wie es zu den Entzündungen kam, wusste niemand. Und Swank fragte sich, was gerade Menschen auf dem Land so anfällig dafür machte.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Dann fielen ihm Unterschiede in den Essgewohnheiten der beiden Bevölkerungsgruppen auf: An der Küste kamen hauptsächlich Fisch und Meeresfrüchte auf den Teller, die Menschen auf dem Land hingegen aßen vor allem Milch, Käse, Eier und Fleisch. Hatte das mit der Multiplen Sklerose zu tun? Ein Zuviel an Fleisch und Milch?

An der neurologischen Klinik in Montreal stellte Swank seine These auf die Probe. Er verordnete 150 MS-Patienten eine nahezu vegane Diät und bat sie, weitgehend auf gesättigte Fettsäuren zu verzichten (also Fleisch, Wurst und Milchprodukte). Mehr als zwanzig Jahre dauerte Swanks Studie. 1990 konnte er im Fachmagazin The Lancet beachtliche Erfolge vermelden: 95 Prozent der Patienten, die seine Ernährungsregeln befolgt hatten, mussten kaum Behinderungen ertragen, einige lebten sogar fast unbeeinträchtigt. Den Abbrechern hingegen, die wieder zu Fleisch und Milchprodukten zurückgefunden hatten, war es schlecht ergangen: Bei ihnen hatte sich die Krankheit verschlimmert, sie litten öfter und heftiger an Beschwerden und starben früher.

Ratgeber unterschlagen oft, ob die Wirkung einer Diät überhaupt beim Menschen nachgewiesen wurde

Swank war überzeugt, in den gesättigten Fettsäuren die Ursache der Krankheit entdeckt zu haben – und in seiner Diät den Schlüssel zur Heilung. In der Öffentlichkeit wurden seine Erkenntnisse bejubelt. Sein Buch The Multiple Sclerosis Diet Book wurde zum populären Ratgeber. Etliche Neurologen empfahlen ihren Patienten Swanks Diät. Dessen Landsmann, der Internist John McDougall, war so überzeugt von der Fett-Hypothese, dass er eine noch radikalere Diät entwickelte und auch noch pflanzliches Fett verbot. Was in der Euphorie aber unterging: Swank hatte den entscheidenden Nachweis für die Wirksamkeit seiner Therapie nie erbracht.