Aus diesen Räumen ist die Zeit seit Langem ausgezogen. Sie hinterließ nur ihre Spuren. Jetzt sind sie verlassen. Alles steht still. Es sind Orte der Namenlosigkeit. Beseelt hingegen werden sie von einer magischen Aura. Es erfüllt sie eine finstere Kraft, die sie gleichviel erhellen kann. Manchmal fällt Licht mit mächtigem Schein in sie ein durch geöffnete Türen, manchmal dringt es durch eine Ritze, mitunter zeichnet ein schmaler Schimmer ein zartes Ornament in die Leere.

Wozu dieses Räume einmal gedient haben, als sie noch von der Zeit bewohnt wurden, weiß man nicht. Die spärliche Verlassenschaft, die da und dort anzutreffen ist, verrät nichts; sie besitzt keinerlei Funktion. Es bleibt ihr Geheimnis, warum gerade dieses verlorene Inventar noch anzufinden ist. Nirgends lässt sich ein Fenster entdecken, nur Türen und Korridore, die sich durch ein Labyrinth zu ziehen scheinen.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vier Jahre lang hat der Fotokünstler Nikolaus Korab mit seiner Großbildkamera verlassene Gebäude in ganz Österreich abgeklappert und in ihnen anonyme Raumbilder gestaltet. Es befinden sich Schlösser darunter, eine verwaiste Kuranstalt, ein verlassenes Bezirksgericht, eine Kaserne, aus der die Soldaten längst ausquartiert worden sind, eine alte Fabrik, ein ausgedientes Kurhotel. Er habe nach einem ganz speziellen Fluidum gesucht, zu dem sich Licht und Schatten an diesen speziellen Orten mischen. Es erforderte einen komplizierten Fotovorgang, es einzufangen. Für manche Aufnahmen wählte er extrem lange Belichtungszeiten, bis zu zwölf Minuten hatte bisweilen die spärliche Helligkeit Zeit, durch die Linse einzudringen. Manchmal war es so dunkel, dass Korab sich mit einer Taschenlampe behelfen musste, wenn er seine Kamera für die nächste Aufnahme einrichtete.

Das Projekt (ein sorgfältig gestaltetes Buch sowie eine Begleitausstellung) des 53-jährigen Fotokünstlers, der mit seinen Künstlerporträts bekannt geworden ist, gleicht einer optischen Meditation, bei der sich der Schöpfer der Bilder in das Wesen von Hell und Dunkel vertieft, in die grundlegenden Elemente aller Bildwahrnehmung. Reduzierte, fast spärliche Fotografie, die mit geheimnisvoller Poesie zu dem Betrachter spricht.

In einem begleitenden Essay zitiert Schriftstellerin Anna Mitgutsch den Dichter Adalbert Stifter, der einst sein "sanftes Gesetz" formuliert hat: "Wie heilig, wie unbegreiflich und wie furchtbar ist jenes Ding, das uns stets umflutet, das wir seelenlos genießen und das unseren Erdball mit solchen Schaudern erzittern macht, wenn es sich entzieht, das Licht." Eine Ahnung davon verrät Korabs Bildessay.

Nikolaus Korab: "Schattenlicht". Fotoessay mit Texten von Anna Mitgutsch und Carl Aigner. Schlebrügge Editor, Wien 2017; 92 Seiten, 38,– €