Vor zwei Wochen berichtete Christ&Welt, wie Stephen Bannon, Chefberater von US-Präsident Donald Trump, den Schulterschluss sucht mit reaktionären Kräften im Vatikan. Vermittelt wurde dieser Kontakt vor allem durch das Institut Dignitatis Humanae in Rom, einen katholisch-fundamentalistischen Thinktank, der sich als Vorreiter versteht gegen die "wachsende säkularistische Intoleranz gegenüber Christen aller Konfessionen". Zum Unterstützerkreis des Instituts gehört, wie damals berichtet, auch der ehemalige EU-Parlamentspräsident und jetzige Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering (CDU).

Nach der Veröffentlichung des Artikels entzog Pöttering Dignitatis Humanae nun die Schirmherrschaft. Dieses Institut, erklärte Pöttering bei einem Besuch der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, unterhalte Verbindungen zu "Personen in Amerika, aber auch hier aus dem Bereich der Kirche", mit denen er "nicht identifiziert werden müsste". Er selbst habe, so Pöttering weiter, die Schirmherrschaft 2013 auf Empfehlung von Renato Raffaele Kardinal Martino übernommen, "im Glauben, dass es um die Verteidigung der Würde des Menschen geht, ohne dass damit ein politischer Hintergrund verbunden ist". Überhaupt habe es sich nur um eine passive Schirmherrschaft gehandelt. Wie diese genau aussah, wollte Pöttering auf Nachfrage von Christ&Welt nicht sagen. Er sei verreist, ließ er über einen Sprecher ausrichten, und habe zur Sache alles Notwendige mitgeteilt.

Ist es also nur einer Mischung aus Zufall, gutem Glauben und Fahrlässigkeit zu verdanken, dass der Name Hans-Gert Pöttering auf die Homepage eines zwielichtigen Instituts geraten ist? Nicht ganz. Tatsächlich gibt es einen Ort, der das Institut bereits früher als 2013 mit Pöttering in Verbindung bringt: Brüssel. Hier im Umfeld des EU-Parlaments, dem Pöttering jahrelang als Parlamentspräsident vorstand, wurde das Institut 2008 gegründet und war dort, bevor es vor ein paar Jahren in die Nähe des Vatikans in Rom zog, lange beheimatet. Doch die Entstehungsgeschichte von Dignitatis Humanae reicht noch weiter zurück, bis ins Jahr 2004, als Pöttering Vorsitzender der konservativen EVP im EU-Parlament war. In jenem Jahr sollte Rocco Buttiglione, der frühere italienische Europaminister, Mitglied der EU-Kommission werden. Aus diesem Ansinnen wurde nichts. Buttiglione war mit seinen despektierlichen Ansichten über Homosexualität und Frauen aufgefallen. Homosexualität hatte Buttiglione als "Anzeichen für moralische Unordnung" bezeichnet. Eine Familie, behauptete er, diene vor allem dem Zweck, dass Frauen in einer geschützten Sphäre Kinder bekommen könnten.

Buttigliones Ansichten riefen derartige Proteste hervor, dass der strenge Katholik schließlich selbst auf seine Kandidatur verzichtete. Doch es empörten sich nicht nur die Kritiker, sondern auch die Unterstützer Buttigliones. Dieser, hieß es, habe lediglich eine legitime katholische Position vertreten. Dafür, so die Folgerung, würde er nun von der säkularen Öffentlichkeit abgestraft. Benjamin Harnwell, ein zum Katholizismus konvertierter Brite und früherer EU-Parlamentsmitarbeiter, war ebenfalls dieser Meinung. Als Reaktion auf die Proteste gegen Buttiglione gründete Harnwell 2008 in Brüssel das Dignitatis-Humanae-Institut. Dignitatis Humanae bedeutet "Menschenwürde". Es ist der Titel der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Religionsfreiheit.

Während die Erklärung einerseits als bedeutende Wende der Kirche weg von militanter Bekehrung begrüßt wurde, wird sie insbesondere von Katholiken in den USA anders verstanden. Religionsfreiheit bedeutet dort vor allem, sich gegen staatliche Zwänge auf das eigene Gewissen berufen zu dürfen. Vor allem Abtreibungsgegner und Staatsdiener, die sich etwa weigern, Homosexuellenpartnerschaften zu schließen, berufen sich darauf. In diesem Sinne ist wohl auch der Institutsname zu verstehen.

Welche Rolle diese Hintergründe für Hans-Gert Pöttering bei der Übernahme der Schirmherrschaften spielten, ist nicht bekannt. Als ihn der italienische Kurienkardinal Renato Raffaele Martino im Jahr 2013 fragte, ob er Schirmherr des Instituts werden wollte, nahm der ehemalige CDU-Politiker an. Martino ist Ehrenpräsident des Instituts und war bis 2009 Leiter des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden. Die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" bezeichnete den heute 84-jährigen Kardinal als "extrovertiert und umtriebig".

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Spricht Pöttering heute von Verbindungen "zu Personen in Amerika, aber auch hier aus dem Bereich der Kirche", mit denen er nicht identifiziert werden will, bezieht er sich auf Bannon und Raymond Leo Kardinal Burke, den Präsidenten des Institutsbeirats und schärfsten Kritiker von Papst Franziskus. Vor allem Burke, der das Dignitatis-Humanae-Institut als "wichtigste Organisation zur Förderung der menschlichen Würde in aller Welt" bezeichnet, steht in der katholischen Kirche für eine rechtskonservative Fundamentalopposition zu Papst Franziskus.

Der US-Kardinal ist eine der Identifikationsfiguren des ultrakonservativen Flügels in der Kirche. Mehrfach kritisierte er Franziskus öffentlich und ist einer der vier Autoren eines öffentlich gemachten Briefes mit Zweifeln am Lehramt des Papstes in dessen Schreiben Amoris laetitia. Zu Bannon pflegt Burke engen Kontakt. Beide lernten sich 2014 über den Institutsgründer Benjamin Harnwell kennen. Der behauptet: "Es handelt sich einfach um zwei Personen, die sich und ihre Arbeit gegenseitig bewundern." Bannon, der heutige Chefstratege des US-Präsidenten, war bis Sommer 2016 Chef des rechten Nachrichtenportals Breitbart News, das den teilweise rassistischen und antisemitischen Ideen der Alt-Right-Bewegung nahesteht. In dieser Funktion hielt der 63-Jährige im Sommer 2014 auf Einladung des Dignitatis-Humanae-Instituts per Videoschaltung in den Vatikan einen Vortrag über die Verbindungen zwischen Kapitalismus und Christentum, über die Bedrohung durch den Islam und seine apokalyptische Weltsicht, derzufolge der Welt ein "sehr brutaler und blutiger Konflikt" zwischen der jüdisch-christlichen Welt und dem Islam bevorstehe.