Die Religionspolitik Berlins entwickelt sich in die richtige Richtung. Waren die Debatten über die Einführung eines staatlich verantworteten Religionsunterrichts im Jahr 2008 noch von harten Weltanschauungskämpfen darüber geprägt, ob religiöse Bildung überhaupt einen Ort im öffentlichen Raum haben sollte – Religion sei schließlich Privatsache –, so ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit religiöser Bildung als probates Mittel der Zivilisierung religiöser Affekte gewachsen.

Beeindruckender und sichtbarer Ausdruck dieses Bewusstseinswandels ist der Beschluss des rot-rot-grünen Berliner Senats, ein Institut für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin einzurichten. Insgesamt fünf Professoren sollen künftig Religionslehrkräfte und Führungskräfte in Moscheegemeinden auf ihre Aufgaben vorbereiten. Wie wichtig gebildete und gesprächsfähige religiöse Eliten für ein Gemeinwesen sind, merkt man erst, wenn sie fehlen. Dann greift religiöser Fundamentalismus um sich. Wer Geld in religiöse Bildung investiert, kann damit rechnen, dass sich die Investition auszahlt.

Die Erwartungen, die das Land an eine islamische Theologie in Berlin knüpft, sind nicht unbegründet. Seit mehr als 200 Jahren werden an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Religionslehrkräfte, Pfarrerinnen und Pfarrer für die evangelische Kirche mit dem oben beschriebenen Nutzen ausgebildet.

Unbefangene Beobachter der Berliner Szene erwarteten deshalb, dass sich beide Theologien unter einem gemeinsamen institutionellen Dach – selbstverständlich unter Wahrung aller religionsrechtlichen und staatskirchenrechtlichen Vorschriften – einfinden würden und die Muslime von der Expertise der Protestanten profitieren könnten. Leicht wären etwa interdisziplinäre Forschungsprojekte auf den Weg zu bringen und auf dem Feld der Lehrerbildung Synergieeffekte zu erzeugen. Nun stellte sich freilich heraus, dass die Begeisterung für den neuen religionspolitischen Weg des Berliner Senats weder bei der Universitätsleitung noch bei der Kirche, noch bei den Theologen ungeteilt ist. Anstatt dem mutigen Schritt des Berliner Senats einen ebenso mutigen Schritt zu einer Reform theologischer Bildung im Jubiläumsjahr der Reformation folgen zu lassen, gewinnen jene Stimmen an Gewicht, die einer Selbstisolation der protestantischen Theologie das Wort reden. Anstatt intensiv und zielorientiert über eine so noch nie da gewesene "Fakultät der Theologien" nachzudenken, dominieren defensives Besitzstandsdenken einerseits und andererseits das Bestreben, das Institut für Islamische Theologie zu einer Art kulturgeschichtlichem Institut in einer der Philosophischen Fakultäten herunterzustufen. Dann hätte man es nicht mehr mit einer theologischen, sondern mit einer religionswissenschaftlichen Einrichtung zu tun, von der nicht einmal bekannt ist, dass es dafür eine Finanzierungszusage gibt.

Der Wissenschaftsrat hat in seinen Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Theologien im Jahr 2010 die Unterschiede zwischen einem religionswissenschaftlichen und einem theologischen Institut sehr klar herausgearbeitet: Während religionswissenschaftliche Einrichtungen die Wissensbestände einer Gesellschaft über die Religionen sichern, besteht die Aufgabe von Theologischen Fakultäten und Instituten darin, die religiösen Eliten und Führungskräfte einer bestimmten Religionsgemeinschaft auf ihre Aufgaben in ihren jeweiligen Religionsgemeinschaften so vorzubereiten, dass diese ein aufgeklärtes Verhältnis zu ihrer religiösen und konfessionellen Bindung entwickeln und so einen Beitrag zum religiösen Frieden in einer religiös-weltanschaulich pluralen Gesellschaft leisten können.

Theologische Fakultäten und Institute lassen sich am besten mit Juristischen Fakultäten vergleichen: Beide bilden Schriftgelehrte aus, die sich auf einen gegebenen Kanon von Schriften beziehen müssen und die sie angemessen auslegen können sollen. Dabei muss ein deutscher Jurist selbstverständlich andere Texte kennen und für wichtig halten als ein britischer oder ein französischer. Trotzdem wären Juristen unterschiedlicher Nationalitäten durchaus imstande, sich in die jeweiligen Besonderheiten des anderen gegebenen Rechts einzuarbeiten. Gleiches gilt für die Theologen: Sie beziehen sich auf unterschiedliche Schrifttraditionen und eine lange Geschichte der Auslegung dieser Schriften. Die grundlegende positionsgebundene Hermeneutik aber ist kompatibel.

Gerade wegen dieser hermeneutischen Kompatibilität spricht alles dafür, dieser auch institutionell Ausdruck zu verleihen und eine "Fakultät der Theologien" in Berlin einzurichten, an der protestantische, islamische, katholische und jüdische Theologie studiert, gelehrt und erforscht werden kann. Diese organisatorische Lösung ist dermaßen plausibel und drängt sich so selbstverständlich auf, dass man genau hinsehen muss, um den sich massiv organisierenden Widerstand gegen eine solche Lösung nachvollziehen zu können. Worin besteht der Unterschied zwischen einer "Fakultät der Theologien" und einer "Theologischen Fakultät"? Eine Theologische Fakultät ist monokonfessionell organisiert und gewährt nur jenen Studierenden einen Abschluss, die dem Bekenntnis der jeweiligen Religionsgemeinschaft angehören. Damit ist an einer Theologischen Fakultät die Öffentlichkeit tendenziell ausgeschlossen und die Gefahr einer selbstreferenziellen, idiosynkratischen Wissenschaftspraxis strukturell etabliert. Dass viele Theologen durch ihr persönliches Engagement enorme Anstrengungen unternehmen, um an den wissenschaftlichen Diskurs in den Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften anschlussfähig zu sein, soll damit nicht geleugnet werden. Auch ist die Berliner Theologische Fakultät insofern besonders, als sie bei ihrem enorm erfolgreichen Studiengang eines "International Master of Religion and Culture" die Konfessionsbindung aufgehoben hat.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Staatskirchenrechtlich und religionsverfassungsrechtlich ist am monokonfessionellen Status einer Theologischen Fakultät nicht zu rütteln. Die Staatkirchenverträge der Bundesländer mit den protestantischen Landeskirchen und die völkerrechtlich verbindlichen Verträge mit dem Heiligen Stuhl sind in dieser Hinsicht eine Schranke, die nicht überwunden werden kann. Folglich kann auch die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin nicht einfach eine islamische oder eine katholische Theologie "integrieren". Damit würde das Profil der jeweiligen Theologien aufgeweicht und die Fähigkeit der Fakultät, einen Beitrag zur theologischen Bildung in den Religionsgemeinschaften zu leisten, vermindert.