Die schlechte Nachricht zuerst: Wir Mitteleuropäer werden von huschenden und lichtscheuen Biestern unterwandert und können uns kaum dagegen wehren. Ihr Name: Papierfischchen, lateinisch Ctenolepisma longicaudata, "geschuppte, langschwänzige Fischchen". Sie ernähren sich von unseren manchmal geschätzten, manchmal teuren Dokumenten wie alten Papieren, Büchern, Kartons, Fotos oder Pergamenten. Aber auch von Tapeten oder Vorhängen. Alles wird angeknabbert.

Noch schlechter: Wir kennen diese Insekten so gut wie gar nicht. In Deutschland ist allenfalls eine verwandte Spezies aus der Gattung der Lepismatiden bekannt: die Silberfischchen. Das sind jene flott davonhuschenden Minitorpedos, die sich als nachtaktives Gesindel unter Badezimmermatten und in Ritzen verbergen. Wer es schafft, erschlägt die unbefugten Badbewohner, tritt sie tot oder versucht sie anderweitig aus dem Haus zu schaffen – meist mit geringem Erfolg. Fischchen leben im Verborgenen.

Ctenolepisma longicaudata ist die weitaus unangenehmere Spezies; sie ist bis heute besonders in den Niederlanden verbreitet. Unser Nachbarland ist schon fast flächendeckend befallen. Und nachdem die papiervisjes die Niederlande erobert haben, setzen sie gerade zum Sprung nach Deutschland an. Das ist nicht nur unangenehm. Ein Überfall von Papierfischchen kann tatsächlich zu großen Schäden führen: Da sie es trocken und warm mögen, finden sie ideale Bedingungen in Museen und Sammlungen.

Fischchen sind ubiquitär. Insektenforscher der North Carolina State University hatten die Idee, einmal die Artenvielfalt im Inneren menschlicher Behausungen zu erforschen. Also sammelten sie und zählten, wer alles die properen und hygienisch einwandfreien Einfamilienhäuser von Raleigh, der Hauptstadt North Carolinas, nebst den bekannten Einwohnern noch bewohnt. Das unerfreuliche Ergebnis verkündeten sie Anfang 2016: Alle Häuser beherbergen zahllose Schwarzbewohner in reicher Artenvielfalt. Kein einziges Haus ist clean.

Im Mittelpunkt des forschenden Interesses standen Spinnen, Tausendfüßler und auch Milben. In 22 Prozent der Häuser fand man als ungebetene Gäste Stinkkäfer, in 60 Prozent Kleidermotten, in 74 Prozent Kakerlaken, in 98 Prozent Läuse, in 100 Prozent Ameisen. Und in 68 Prozent der Häuser sammelten die Forscher Exemplare der Gattung Lepisma ein: Fischchen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Ctenolepisma longicaudata ist von den anderen Gattungsvertretern wie den Silberfischchen oder auch den Ofenfischchen, die hohe Temperaturen lieben und es sich gern hinter Backöfen gemütlich machen, optisch nur recht schwer zu unterscheiden. Das wird insbesondere bei der Bekämpfung zum Problem. Denn während Silber- und Ofenfischchen als Lästlinge gelten, ist das Papierfischchen als ausgemachter Schädling gefürchtet. Doch nicht einmal deutsche Kammerjäger können Papierfischchen sicher identifizieren. Wer mit einem solchen Profi spricht, erfährt etwa zu seinem Erstaunen, dass Silber- und Papierfischchen regional unterschiedliche Namen für ein und dieselbe Art seien.

Noch ist Ctenolepisma longicaudata in der deutschen Öffentlichkeit kein Thema. Bekannt wurde 2007 die Entdeckung erster Exemplare in Hamburg. Angeblich waren sie aus Holland in einer Großpackung Toilettenpapier eingeschleppt worden. In einem anderen Fall waren sie blinde Passagiere in einem Umzugskarton. Gelegentlich hört man auch in Österreich oder der Schweiz von vereinzeltem Auftreten. Das wirkliche Ausmaß ihrer Verbreitung in Deutschland ist unbekannt. Allerdings: Seit spätestens 2013 breitet sich unter den von Berufs wegen Betroffenen wie Archivaren, Museumsbetreibern und Betreuern von Sammlungen Unruhe aus.

Damals entdeckte man Ctenolepisma longicaudata erstmals in Berlin, im Archäologischen Zentrum. Die Schädlingsbekämpfer der Stiftung Preußischer Kulturbesitz reagierten mit Kälte- und Stickstoffbehandlung befallener Objekte und mit Insektiziden in den entsprechenden Bereichen. Seit dieser Zeit werden neue Sammlungsobjekte argwöhnisch beäugt und sicherheitshalber unter Quarantäne gestellt.

Gefragt nach dem Papierfischchen, wählen die betroffenen Institutionen den Weg der kommunikativen Zurückhaltung. Generell betrachten Museen oder bekannte Archive einen Befall mit Schädlingen wie Kleidermotte, Hausbock, Parkettkäfer oder den Museumskäfer genannten Angehörigen der Spezies Anthrenus museorum als Negativwerbung für ihr Haus. In der Regel werden bloß die großen Fälle bekannt, etwa beim Berliner Bode-Museum, das aufgrund eines Parkettkäferbefalls 2008 zu einem Drittel geschlossen werden musste. Oder beim Drama um das Augsburger Stadtarchiv, dessen reichsstädtische Dokumente 2009 von Brotkäfern attackiert wurden. 14 Kilometer Akten mussten mit Stickstoff behandelt werden.