Der Chef bin ich. Und das ist das Problem, sagt Daniel Erk.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Es ist spät geworden. 23.30 Uhr, ich sitze in der leeren U-Bahn, meinen Kopf an die kalte Fensterscheibe gelehnt. Ich denke und fühle nichts. Ich bin auf dem Heimweg von einem Interview und hänge in den Seilen.

Manche Gespräche sind Tänze. Dieses war ein zäher Boxkampf. Ein Abtasten, leichte Punchs hier und da. Aber kein offener Schlagabtausch. Keine Volltreffer. Niemand, der zu Boden gegangen wäre.

Der politische Hardliner, den ich über zwei Stunden interviewt habe, kam kaum aus der Deckung. Kleine Provokationen, eiliges Zurückrudern, Phrasen. Für die Selbstbeherrschung, in einem solchen Interview interessiert, aber auch ein bisschen naiv zu erscheinen und sich vor allem niemals durchschauen zu lassen, sollte es im Deutschen eigentlich ein eigenes Wort geben, denke ich. Welches? Ich bin zu müde.

Immerhin, das Interview war interessant. Der Trick ist: Man muss das Gegenüber in ein Gespräch locken. Raus aus dem offiziellen Modus, rein in die Emotion. Politische Streitgespräche sind so eine Sache: Tritt man zu brav und höflich auf, bekommt man nur die freundliche Fassade, und der Text wird zur besseren Werbung. Geht man zu hart ins Gespräch, sucht den Streit und weist auf Widersprüche hin, gehen die Türen zu, und man erfährt nichts. Der Mittelweg hat mich müde gemacht. Nichts erfordert mehr Konzentration, nichts ist frustrierender, als zu wissen: Da duckt sich einer weg.

Ich steige aus der Bahn.

Der Weg zum fertigen Text ist eine Meisterschaft nach K.-o.-System: Jede einzelne Runde muss gewonnen werden. Das Interview, die Arbeit am Text, die Korrekturen, die Freigabe der Zitate. Nur dass am Ende nicht 80.000 Zuschauer jubeln, weil man sich nach harten Schlägen nochmals aufgerappelt hat. Eine kurze Nachricht der Redakteurin: "Überarbeitung war super, tausend Dank." Das war’s.

An vielen Tagen kann ich nach all den E-Mails, Telefonaten und Meetings oft nicht genau sagen, ob ich irgendetwas Sinnvolles geschafft habe. An Tagen wie nach diesem Interview schon. Die Erschöpfung ist schön.