Nach Bagdad fährt man nicht zum Tanzen. Nach Bagdad fahren ausländische Reporter, um die politische Stabilität des Landes zu messen – die steht auf einer Skala von eins (Kollaps) bis zehn (stabil) derzeit etwa auf vier. Oder man kommt, um Autobomben zu zählen. In der Woche unseres Aufenthalts waren es drei. Oder um den Bewohnern zu entlocken, dass ihre Stadt, zerschnitten von kilometerlangen Sprengschutzmauern, Stacheldrahtrollen und Kontrollpunkten, eigentlich die Hölle ist. Und dass der Terror ihr Leben lähmt.

Was er nicht tut.

Bagdad, Tag zwei unseres Besuchs. Wir, der Fotograf Jacob Russell und ich, absolvieren gerade eine Rundfahrt entlang der ehemaligen Gefängnisse Saddam Husseins, als unser Übersetzer Mohammed fragt, ob wir Lust auf ein ganz anderes, ein durch und durch friedliches Erlebnis hätten: ein Gebet in seiner Moschee, "mit Trommeln und Tanz". Manchmal auch mit Rasierklingen und Dolchen. "Vielleicht sticht sich wieder einer in den Bauch", lockt Mohammed. Er müsse, falls wir mitkommen wollten, nur die Erlaubnis des Chalife, des Vorstehers, einholen.

Mohammed ist Sufi. Ekstase, Trance und die Demonstration der Unempfindlichkeit gegen körperlichen Schmerz gehören zu den Ausdrucksformen seines Ordens. Wir kämen gern mit, sagen wir. Aber das mit dem Dolch und den Rasierklingen müsse nicht sein. Unseretwegen bitte keine Umstände.

Mohammed ruft den Vorsteher an.

"Alles okay. Ihr könnt dabei sein."

Auch ich als Frau beim Gebet der Männer?

"Kein Problem."

Fotografieren?

"Kein Problem."

Drei Tage später findet der nächste Dhikr statt, das Gebetsritual mit Trommeln und Tanz. Wir haben inzwischen von Saddam Hussein gebaute, vom IS besetzte und von der US-Luftwaffe zerbombte Paläste besucht, eine Demonstration beobachtet, bei der scharf geschossen wurde, sowie den Einschlag mehrerer Katjuscha-Raketen in der Bagdader "Green Zone" gezählt. Das ist der durch hohe Mauern und Checkpoints abgesicherte internationale Teil der Stadt. Einige Stunden Harmonie, Frieden und Musik sind genau das, was wir jetzt brauchen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Mohammed holt uns am späten Nachmittag ab. Auch die Straße, in der seine Moschee liegt, ist durch einen Checkpoint und einen Schlagbaum gesichert. Auf dem Hof flitzen Kinder herum, in der Küche steigt Dampf aus Töpfen und Kannen. Wer es will oder braucht, bekommt hier rund um die Uhr eine warme Mahlzeit. Viele Sufis aus Mossul sind vor dem IS nach Bagdad geflohen. Trance, Musik, Ekstase, die Anbetung von Heiligen und Statuen galten schon den saudischen Wahhabiten im 19. Jahrhundert als haram, als "unrein". Sufi-Schreine wurden zerstört, Sufi-Imame getötet. Heute jagen die Dschihadisten von Al-Kaida und vom IS die Mystiker des Islams.

Jassin Hassan, der Chalife, lädt uns in ein kleines Zimmer neben der Küche, lässt Tee servieren. Immer mehr Gläubige treffen ein, setzen sich dazu. Draußen ist es dreizehn Grad kühl, drinnen kaum wärmer, aber offenbar sind wir Nicht-Sufis die Einzigen, die frieren. An der Wand hängen Porträts von Scheich Mohammed al-Mohammed al-Kasnasan, dem spirituellen Führer des gleichnamigen Sufi-Ordens. "Des größten im ganzen Irak", wie Jassin Hassan versichert.