DIE ZEIT: Herr Nye, seit vielen Jahren forschen und lehren Sie zu Führung und Ethik in der Außenpolitik amerikanischer Präsidenten. Wie sehen Sie den Präsidenten Trump?

Joseph Nye: Eine der wichtigsten Fähigkeiten eines ethisch erfolgreichen Führers ist emotionale Intelligenz. Trump hat keine. Er ist eingenommen von seinem narzisstischen Ego. Nach wenigen Wochen im Amt ist es zwar zu früh, seine Politik zu bewerten. Doch Trumps Äußerungen und Dekrete zeigen, dass es ihm an Reife und Maß vollkommen fehlt.

ZEIT: Was verstehen Sie unter ethischer Führung?

Nye: Manche Führer nutzen ihre Macht nur dazu, ihre eigene Position zu stärken: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist ein solcher Fall. Angela Merkels Machterhaltungstrieb hingegen verringert nicht ihre Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die sie für ethisch richtig hält. Als sie im September 2015 entschied, die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge nach Deutschland zu lassen, hätte sie es sich leicht machen und eine flüchtlingskritische Position einnehmen können. Sie stand aber für bestimmte Werte ein und vermochte es, die Ziele ihres Volkes zu definieren und es dazu zu erziehen, ihr zu folgen. Ich würde sie in diesem Sinne als gute Führerin definieren.

ZEIT: Viele Deutsche sagen, Merkels Entscheidung sei falsch gewesen, weil das Land all die Menschen nicht integrieren könne.

Nye: Angela Merkel reagierte auf die Flüchtlinge auf eine menschliche und kosmopolitische Art, die ein christliches Vorbild hat: Denken Sie nur an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in der Bibel, der sich um einen Fremden kümmert, der zusammengeschlagen neben der Straße liegt. Viele Politiker verfolgen, im Gegensatz zu Merkel, eine Politik, die ich tribal nenne, die also lediglich auf ihre unmittelbare Gruppe bezogen ist: Wer nicht zu meinem Stamm gehört, dem helfe ich auch nicht.

ZEIT: Kann eine Bundeskanzlerin eine Gesellschaft wirklich in einem ethischen Sinne lenken?

Nye: Menschen sind paradoxerweise oft sowohl für Samaritertum empfänglich als auch für Tribalismus. Es ist ja nicht so, dass die einen Menschen schlecht und die anderen gut sind, die meisten Menschen sind beides. Ein guter Führer kann seine Entscheidungen so einrahmen, dass die besseren Aspekte eines Volkes eher zum Tragen kommen als die schlechten.

ZEIT: Was muss ein Politiker tun, damit ihm das gelingt?

Nye: Die Fähigkeit, ein Narrativ zu entwickeln, ist extrem wichtig. Barack Obama versuchte genau das: Er erzählte Geschichten und war neben Ronald Reagan sowie Franklin und Teddy Roosevelt einer der besten Kommunikatoren, die es im Weißen Haus je gab. Franklin Roosevelt nutzte in den 1930er Jahren das Radio, um direkt vom Oval Office mit den Familien zu kommunizieren, die sich um den Radioapparat im Wohnzimmer geschart hatten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

ZEIT: Schöne Geschichten erzählen, das soll politische Führung sein?

Nye: Ein klassisches Beispiel: 1938, nach dem Münchner Abkommen, kam der damalige amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt zu dem Schluss, dass Hitler eine Bedrohung für die Welt sei. Im Zweiten Weltkrieg versuchte Roosevelt deshalb, den Amerikanern beizubringen, dass sie die Briten und Franzosen stärker unterstützen müssten. Roosevelt schaffte es aber erst nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor, das amerikanische Volk davon zu überzeugen, den eigenen Isolationismus aufzugeben.