Am Anfang ist Jürgen Habermas. Das ist der erste Name, der in diesem erstaunlichen Buch auftaucht; viele andere werden auf den folgenden 540 Seiten erscheinen. Ein 34-jähriger Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besucht den ihm persönlich unbekannten 37-jährigen Professor für Philosophie, um sich im Gespräch auf eine Reportage über die rebellischen Studenten in West-Berlin vorzubereiten. Das geschieht 1967, da ist die Bundesrepublik gerade einmal 18 Jahre alt und Habermas bereits der neue Star unter Deutschlands Intellektuellen. Karl Heinz Bohrer, so heißt der Redakteur, erlebt nun erstmals die "unerwartete, quecksilbrige Spontaneität" des Denkers und ist nachhaltig beeindruckt.

Nach seinem 2012 erschienenen Buch Granatsplitter legt Bohrer die Fortsetzung seines Erinnerungsprojekts vor, unter dem Titel Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie. Galt der erste Band seiner Kindheit im Krieg und dem Heranwachsen in der Nachkriegszeit, schildert der einstige FAZ-Literaturchef und spätere Merkur-Herausgeber, der Literaturwissenschaftler und Zeitdiagnostiker nunmehr sein Leben, Denken und, in dieser Intensität überraschend, sein Fühlen seit Beginn der sechziger Jahre – bis eben jetzt, in die Gegenwart hinein. Es ist, subjektiv aus Sicht eines unkonventionellen Grenzgängers, das intellektuelle Porträt einer Epoche geworden.

Habermas schwebt dabei wie ein Geist durch das Buch. Aber sein Auftauchen darf man nicht als Anrufung eines Schutzheiligen missdeuten. Seine Verwandlung in ein Leitmotiv entspricht der Realität: Für jeden, der in der alten Bundesrepublik intellektuell einigermaßen relevant und zugleich öffentlich sein wollte, war Habermas ein Kraftfeld, voller energetischer Spannung. Das gilt insbesondere für Bohrer, der eine eigentümliche freundschaftliche Beziehung über denkbar größte Gegensätze hinweg zu ihm führt. Im Buch wird Habermas jedoch meist einfach "der Philosoph" genannt: ein etwas mokanter Ehrentitel, der ihn als einzigen bundesrepublikanischen Denker von Weltrang ausweist und ihn zugleich in eine lange Tradition stellt. Der Literat nähert sich ihm ästhetisch: "Er sah ja sowieso wie ein Künstler aus, was man allerdings von keinem seiner Schüler sagen konnte."

Bohrers Namenspraxis ist speziell: Viele Vertraute nennt er nur beim Vornamen; einige bekannte Figuren, die Typen verkörpern sollen, bleiben ganz namenlos. So zum Beispiel der befreundete Autor, der ihm 1968 erklärt, wenn es nach der Revolution so weit sei, "wird man dich umlegen müssen". So der Assistent des Philosophen, der sich bei einer Silvesterparty der Bohrers betrunken in ein Handgemenge mit den "Ausbeutern" inklusive Boxhieb stürzt: "Der Assistent kritisierte die Gesellschaft normalerweise abstrakt, an diesem Abend hatte er sie eben konkret kritisiert."

Erstaunlich an diesem Buch ist seine Mixtur, die man so von deutschen Intellektuellen noch nicht kannte: höchst Privates und Zeitdiagnostisches, theoretische Betrachtung und emotionale Erinnerung fließen ineinander. Der Autor hat einen ausgeprägten szenischen Sinn: Wenn der Literaturredakteur mittags mit Thomas Bernhard eine Rindswurst isst und beide sich eher anschweigen, wenn Ulrike Meinhof, mit der er befreundet ist, bei einem letzten Besuch, bevor sie in den Untergrund abtaucht, auf seinem Dielenboden die Zigaretten ausdrückt, wenn er im Spanien der späten Franco-Jahre bei einer Dinnerparty einem deutschen Legion-Condor-Offizier begegnet oder wenn er von Carl Schmitt einen lobenden, daher ihn ängstigenden Brief bekommt oder 1989 vom Philosophen einen handschriftlichen, vehement kritischen, weil Bohrer die deutsche Wiedervereinigung begrüßt hat – stets wird eine besondere geistige Physiognomie sichtbar. Dabei ist es ja paradox: Ausgerechnet Bohrer, der die Bundesrepublik in längst klassischen Essays als langweilig und banal attackiert hat, erzählt von einer durchaus aufregenden Epoche.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Bohrers spannungsvolle Beziehung zu seiner Gegenwart entsteht auch aus seinen Erfahrungen in gänzlich undeutscher Fremde. Brillant beschreibt er eine Studentenfahrt nach Montpellier just zu dem Zeitpunkt, als französische Offiziere in Algerien gegen de Gaulle putschten; Kampf und Gefahr lagen in der Luft, der Kontrast zwischen Heidelberger Fachwerk und provenzalischem Mauerwerk fällt ins Auge. Jahre später liegt ein toter Esel tagelang am einsamen spanischen Strand, unweit der Hütte, in der Bohrer schreibt; er erlebt zudem den Stierkampf: das Archaische ist plötzlich präsent. Großartig sind seine Gesellschaftsbetrachtungen aus Großbritannien, wo er in den siebziger Jahren und während der Thatcher-Revolution FAZ-Korrespondent ist: ein Land zwischen Tradition und sozialer Umwälzung, zwischen Fuchsjagd und Fußball. Das formt den Blick für deutsche Zustände, so wie später das Leben mit der Schriftstellerin Undine Gruenter in Paris und die Pendelei von dort nach Bielefeld, wo er seit 1982 lehrt.

Es muss eine erotisch-intellektuelle Schicksalsgemeinschaft gewesen sein. Berührend schlicht erzählt Bohrer von Undines Krankheit und langsamem Sterben 2002; ihren letzten Roman diktierte sie ihm, als sie nicht mehr schreiben konnte. Die erotischen Erfahrungen seiner Studentenzeit in Göttingen und Heidelberg schildert er ungewöhnlich offenherzig als prägenden Erkenntnisgewinn, ganz wie seine verehrten französischen Surrealisten. Die Ehe heute mit Angela, nach jahrzehntelanger Anziehung, ist ein spätes Glück. Ironie gehört zur Bilanz: "Merkwürdig, dass ich immer nur mit Frauen zu tun hatte, die politisch andere Ansichten hatten als ich."

Elegant war Bohrers Schreibstil nie, mit plausiblen Gründen. Lieber will sein vibrierendes Temperament mit eruptiver Sprache die Schönheit des Gedankens unmittelbar zeigen. Daher haben seine Worte oft etwas abrupt Zupackendes, darin dem Philosophen nicht unähnlich. Viele knackige, zugespitzte Bohrer-Sätze finden sich auch in dieser Lebensbilanz.

Dadurch entsteht wohl die Intensität von Bohrers Selbstbefragung. Er betreibt, um sich auf die Spur zu kommen, ausgiebig Werkschau, mit Surrealismus und Terror, seiner Ästhetik des Schreckens , der Entdeckung von Plötzlichkeit und Fantasie. Seine Hausgötter sind alle mit an Bord: Baudelaire, Breton, Benjamin, Faulkner und Camus. Bohrers Bedeutung wird dabei deutlich: Vehement hat er oft recht einsam den Eigensinn von Kunst und Ästhetik verteidigt gegen engstirnige Engagierte, die sie für Moral und vermeintlichen gesellschaftlichen Fortschritt instrumentalisieren. "Literatur kann also primär nichts mit Inhalten zu tun haben, so wichtig sie sein mögen."

Gegen Ende verliert die Erzählung an Kraft, je näher der Stoff zeitlich rückt. Dieses Problem haben die meisten Memoiren, aber hier fällt die Kluft besonders auf: Nicht jedes Seminar in Stanford oder Podium auf Schloss Neuhardenberg ist unbedingt interessant. Vielleicht ist diese Schwäche zwangsläufig, weil die weiter zurückliegenden Erfahrungen im Laufe eines Lebens häufiger durchgearbeitet werden können als das noch zu formende Jetzt – und die Fernerinnerung automatisch zu einer Leistung jener von Bohrer besungenen Fantasie wird. Nicht zufällig ist Granatsplitter in seiner literarischen Form gelungener.

Die Gegenwart missfällt dem 84-Jährigen jedenfalls; hinter der Merkelschen Flüchtlingspolitik 2015 wittert er mit französisch-britischem Blick einmal mehr "banalen oder inspirierten Moralismus". Ein Denker der Plötzlichkeit, der den Augenblick, das Ereignis zeitlebens intellektuell gefeiert hat wie kaum jemand sonst, hätte sich freilich davon faszinieren lassen können. "Schließlich würde man Politik ohne Instinkt für das Melodramatische nicht verstehen": So lautete 1967 sein ästhetischer Einwand gegen den nüchternen Habermas. Mit diesem Instinkt könnte gerade Bohrer den Sprung eines syrischen Flüchtlings auf den Strand einer griechischen Insel oder dessen ersten Schritt auf dem Pfad durch den Balkan politisch-ästhetisch deuten.

"Dieses Feuer ist aus Feuer und nicht aus Stroh": Urplötzlich knallte 1967 dieser erste Satz von Bohrers Verteidigung der rebellierenden Westberliner Studenten dem FAZ-Leser entgegen. Ein halbes Jahrhundert später erlebt man in seinem Buch, wie programmatisch dieser Satz auch auf den furiosen Kopf Karl Heinz Bohrer selbst zutrifft. Und das ist doch ein unerwarteter Glücksfall für die oft allzu brav gewordene Geschichte des deutschen Geistes.

Karl Heinz Bohrer: Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie; Suhrkamp, Berlin 2017; 542 S., 26,– €