Eine verbreitete Klage unter Künstlern, Galeristen, Auktionatoren lautet: "Die Museen kaufen nicht mehr!" Wer in den Chor einstimmt, hat vermutlich vorher nicht im Museum Wolfsburg nachgefragt. Der Freundeskreis des Museums finanzierte kürzlich den Ankauf von Arbeiten von Katie Armstrong, Awst & Walther und Pia Linz mit 80.000 Euro. Oder beim Städel Museum in Frankfurt, das allein für das vergangene Jahr auf 252 Neuerwerbungen kommt. Selbst wenn von diesen zwei Fünftel klassische Schenkungen waren, so sind immer noch bei rund 150 Arbeiten kleinere bis größere Summen geflossen.

Nun darf man natürlich nicht glauben, dass die Ankaufsetats der deutschen Museen üppig ausgestattet wären. Vielerorts liegt das Budget bei null Euro – was man vor allem den reicheren Kommunen vorwerfen kann. Aber es stimmt eben auch nicht, dass die Museen überhaupt keine Werkzugänge verzeichnen. Hört man sich ein wenig um, erfährt man auch von Museen in Köln oder in Stuttgart, dass dort kontinuierlich angekauft wird. Das Wort "Ankauf" selbst ist dabei aus der Mode geraten. Lieber spricht man von "Erwerbung", weil dazu eben auch Schenkungen oder der gemeinschaftliche Ankauf durch verschiedene Unterstützer zählen.

Doch was erwerben die Museen? Und zu welchem Preis? Am oberen Ende des Spektrums rangieren die 1,5 Millionen Euro, die die Stadt Oldenburg im vergangenen November für die Hamburger Sammlung Blessin mit 323 Aquarellen und Zeichnungen des Künstlers Horst Janssen bezahlte – wobei die Kulturstiftung der Länder mit 500.000 Euro, die Kulturstaatsministerin mit 300.000 Euro und weitere Unterstützer insgesamt vier Fünftel der Kaufsumme beisteuerten. Als Kontrast zu solch komplizierten Mega-Deals reicht manchmal auch ein vierstelliger Betrag für den Ankauf eines einzelnen Werks. So ersteigerte das Frankfurter Städel Museum im vergangenen Jahr die ikonische Fotografie Auf dem Berliner Reichstag, 2. Mai 1945 von Jewgeni Chaldej für 1792 Euro im Berliner Auktionshaus Bassenge.

"Wir suchen nach Werken, mit denen wir unsere Schwerpunkte stärken und Lücken füllen", beschreibt Philipp Demandt die Ankaufspolitik seines Städel Museums. Der Direktor sucht gerade nach Werken der Neuen Sachlichkeit und des Surrealismus. "Wir haben im Städel keinen ausgewiesenen Ankaufsetat. Aber wir können Gelder, die wir einwerben oder erwirtschaften, hierfür verwenden", sagt Demandt. Entscheidend sei die dauerhafte Unterstützung durch den Museumsverein, das Städelkomitee 21. Jahrhundert und weitere Partner.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

So stemmte allein der Museumsverein im Dezember 2015 den Ankauf von Helene Schjerfbecks Gemälde Mädchen mit blondem Haar (1916), das für umgerechnet 1,19 Millionen Euro bei Sotheby’s in London ersteigert wurde. "Dieses breite Engagement ermöglicht es uns jedes Jahr, im siebenstelligen Euro-Bereich zu kaufen", sagt Demandt und zählt einige Neuerwerbungen auf: Franz Radziwills Das rote Flugzeug (1932), John Baldessaris One must act quickly (2014) und Julian Schnabels Anh (1988). Im Städel fällt der Blick also eher auf Künstler, die auf ihrem Karrierepfad schon ein gutes Stück vorangekommen sind. "Bei jungen Künstlern kann niemand sagen, ob sie in der Zukunft das halten können, was sie heute versprechen", erklärt Demandt. "Hektisch dem neusten Trend zu folgen empfiehlt sich für uns nicht. Ich gehe ganz entspannt über die Art Basel."

Museen erhalten beim Einkauf in Galerien meist großzügige Rabatte

Der Besuch der Schweizer Kunstmesse gehört auch zum Pflichtprogramm von Christiane Lange. Die spannendste Entdeckung des vergangenen Jahres machte die Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart jedoch in einem anderen Museum – als sie im Hamburger Bahnhof in Berlin das Werk Manifesto sah: In 13 kurzen Videofilmen trägt die Hollywood-Schauspielerin Cate Blanchett berühmte Manifeste der Kunstgeschichte vor. "Ich war wie vom Donner gerührt", erzählt Lange. "Weil ein – leider etwas unbekannter – Schwerpunkt der Staatsgalerie die zeitbasierten Medien sind, war mir sofort klar: Ich will dieses weichenstellende Werk im Grenzbereich von Videokunst und Kino haben." Nach dem Münchner Sammler Stephan Goetz kaufte sie im vergangenen Jahr für einen sechsstelligen Betrag das zweite Exemplar aus der regulären Sechserauflage der Videokunstedition. (Vier weitere Exemplare gingen zuvor schon als "Patrons Editions" an Partner, die sich an Rosefeldts Produktionskosten beteiligt hatten. Zum Dank profitierten hier etwa das Sprengel Museum in Hannover und die Nationalgalerie in Berlin von einem reduzierten Kaufpreis.) Den Stuttgarter Ankauf finanzierten die Freunde der Staatsgalerie.

Ohne festen Ankaufsetat ist das Haus auch bei anderen Erwerbungen auf Förderung angewiesen, etwa seitens der Museumsstiftung Baden-Württemberg und des Zentralfonds, die jährlich zusammen um die vier Millionen Euro für Ankäufe der Kunst- und Kulturmuseen des Landes verteilen. Das Geld benötigt die Staatsgalerie dringend, weil sie sich auch im Zeitgenössischen auf das Etablierte fokussieren will. "Als Museum zu sammeln ergibt nur Sinn, wenn man sich fragt: Wer sind die zehn wichtigsten Künstler einer Generation?", erklärt Lange. Ihr Ansatz bedeutet aber auch: Sie spürt den Druck der steigenden Preise am Markt. "Ich würde zum Beispiel gern ein Gemälde von Maria Lassnig kaufen. Aber die ist leider sehr teuer geworden!"