Gadsden ist eine Kleinstadt mit 37.000 Einwohnern tief im Süden der USA. Im Februar feiern sie dort den jährlichen Chili-Kochwettbewerb, im Sommer findet ein Straßenflohmarkt statt, der laut dem Tourismusbüro der längste der Welt ist. Doch als Gadsden jüngst Schlagzeilen in den amerikanischen Medien machte, ging es um einen traurigen Rekord. Hier leben Amerikaner am kürzesten. Kinder, die in Gadsden zur Welt kommen, können statistisch gesehen erwarten, 73,3 Jahre alt zu werden. Damit haben Gadsdens Einwohner dieselbe Lebenserwartung wie die Einwohner von El Salvador, einem Land, das zu den ärmsten Staaten der Welt gehört.

Gadsden im Bundestaat Alabama ist das Schlusslicht einer Statistik, die Experten alarmiert. Die amtliche Bestätigung, dass etwas sehr schiefläuft in Amerika, traf im Dezember ein. Da teilte das US-Gesundheitsministerium mit, dass im Jahr 2015 die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA 78,8 Jahre betrug. Das war einen Monat weniger als noch im Vorjahr.

Der Verlust klingt zwar gering. Peter Muennig ist dennoch besorgt. "Ein solcher Rückgang bei der Lebenserwartung ist abnormal und ein Alarmzeichen", sagt der Professor für Gesundheitspolitik an der Columbia University in New York. Neben dem Bruttoinlandsprodukt, das die Wirtschaftsleistung misst, gibt es keine Kennzahl, die so sehr als Messlatte für den Fortschritt eines Landes gilt wie die Lebenserwartung. Sie steht für Wohlstand und Gesundheit und für einen Staat, der seinen Bürgern beides ermöglicht. In den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg galt: Menschen in Industrienationen leben immer länger. Zwar gab es Jahre, in denen die Regel in den USA aussetzte. Doch die Ausnahmen hatten immer eine klare Ursache. So etwa 1993, als das Land den Höhepunkt der Aids-Epidemie erlebte. Dieses Mal lässt sich jedoch kein eindeutiger Grund ausmachen. Es scheint, als befinde sich das ganze Land in einer Lebenskrise. Und mancher sieht sich an den Zerfall der Sowjetunion erinnert. Damals brach dort die Lebenserwartung dramatisch und für lange Zeit ein.

Fast überall steigt die Lebenserwartung – mitunter gibt es Einbrüche. Was die Grafik zeigt: Ein um 1900 geborener US-Amerikaner hatte im Schnitt knapp 50 Jahre zu leben. Ein Kind, das 2015 zur Welt kam, wird voraussichtlich 78,8 Jahre alt – 2014 lag die Lebenserwartung noch bei 78,9.

Fast überall steigt die Lebenserwartung – mitunter gibt es Einbrüche. Was die Grafik zeigt: Ein um 1900 geborener US-Amerikaner hatte im Schnitt knapp 50 Jahre zu leben. Ein Kind, das 2015 zur Welt kam, wird voraussichtlich 78,8 Jahre alt – 2014 lag die Lebenserwartung noch bei 78,9.

Quelle: Clio Infra (beide Geschlechter), United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Divisions (2015). World Population Prospects: The 2015 Revision, DVD-Edition © ZEIT-Grafik

Es liegt nahe, auch diesmal nach Krankheiten als Ursache zu suchen. Eine wichtige Rolle, da sind sich die Experten einig, spielt krankhaftes Übergewicht. 37 Prozent der erwachsenen Amerikaner sind davon betroffen. Zu den zehn häufigsten Todesursachen in den USA gehören Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Diabetes. Übergewicht ist einer der prominenten Faktoren, die zu diesen Erkrankungen beitragen. Allerdings sind die Amerikaner nicht allein mit dem Problem. Auch die EU-Bürger und die Australier haben in den vergangenen Jahrzehnten stetig zugelegt, sagt Muennig. "Aber wir sehen dort keine Anzeichen für eine sinkende Lebenserwartung."

Das macht die Trendumkehr verblüffend: Die USA sind – zumindest bisher – das einzige Industrieland, in dem die Lebenserwartung gesunken ist. Schon jetzt werden Japaner im Schnitt fünf Jahre älter als US-Bürger, Deutsche immerhin zwei Jahre. Im Fachblatt The Lancet haben Wissenschaftler Deutschland und anderen Industriestaaten gerade erst weitere Zuwächse bis 2030 vorhergesagt – und den USA dabei die geringsten Zugewinne prophezeit. Dabei geben die Amerikaner mehr für ihre Gesundheitsversorgung aus als jede andere Nation. Inzwischen sind es über 10.000 Dollar jährlich pro Einwohner – doppelt so viel wie in Deutschland. Das US-Gesundheitssystem verschlingt über drei Billionen Dollar jährlich, fünfmal so viel, wie Washington für das Militär ausgibt. Aber viel Geld, das belegen Statistiken, führt ab einer bestimmten Grenze nicht automatisch zu mehr Gesundheit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Warum also sterben Amerikaner früher? Und sagen die Sterbetafeln etwas über den Aufstieg Donald Trumps? Ellen Meara, Gesundheitsökonomin am Dartmouth Institute for Health Policy and Clinical Practice in New Hampshire, hat keine einfache Erklärung: "Es ist ein wenig rätselhaft. Sicher ist, dass wir es mit einem komplexen Bündel an Ursachen zu tun haben, dem wir auf die Spur kommen müssen." Hinweise finden sich in Gadsden. Gegründet im Jahr 1848, wurde der Binnenhafen am Coosa-Fluss ein zentrales Handels- und Industriezentrum in der Region. Später siedelten sich Stahlunternehmen und der Reifenhersteller Goodyear an. Doch in den achtziger Jahren schlossen die Stahlwerke, und fast alle anderen Fabriken wanderten ab. 1989 erklärte ein Wirtschaftsmagazin Gadsden zu einer der "sieben Städte der USA mit der schlechtesten Lebensqualität".

Gadsdens Aufstieg und Fall ist ein vertrautes Drama im amerikanischen heartland, jener Mitte des Landes, in der einst die Industrieproduktion zu Hause war, die Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg zur führenden Wirtschaftsmacht aufsteigen ließ. Die Massenfertigung ist in Billiglohnländer abgewandert, die Arbeitsplätze sind es ebenfalls. Vor allem Wähler in diesen Bundesstaaten haben im vergangenen November für Donald Trump gestimmt. Auch in Gadsden, wo die Bewohner mehrheitlich weiß sind, wählten ihn 74 Prozent. Die Gründe für ihren Protest mit dem Stimmzettel finden sich nicht zuletzt in den Statistiken der Gesundheitsbehörden. Zwar ist die Lebenserwartung der Afroamerikaner und Latinos noch immer geringer als die der weißen Mehrheit. Doch es war vor allem eine Zunahme der Sterberate bei weißen Frauen und Männern, die für den jüngsten Rückgang bei der US-Lebenserwartung verantwortlich ist.