Zwölf lange Jahre hatten die Forscher gewartet. Dann schauten sie, wie es ihren 3.635 Studienteilnehmern ergangen war. Diese waren zu Beginn der Studie fünfzig Jahre oder älter gewesen, nun wollten die Wissenschaftler der Yale University wissen: Wer lebt noch, wer ist tot? Und wie verteilen sich die Lebenden und die Gestorbenen auf die drei Gruppen, die das Forscherteam anfangs gebildet hatte: erstens Menschen, die keine Bücher lesen; zweitens Leser, die sich bis zu dreieinhalb Stunden pro Woche in ihre Bücher vertiefen; und drittens Vielleser, die noch mehr schmökern?

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Die Antwort war so schnell da, dass die Forscher sie sicherheitshalber in einen Korrekturlauf gaben. Er berücksichtigte den Faktor, dass Buchleser häufig Frauen sind, eher gebildet und gut verdienend. Denn alles drei wirkt ohnehin schon positiv auf die Lebenserwartung. Diesen Umstand bezogen die Forscher in ihre Auswertung ein und rechneten noch weitere Störquellen heraus: Alter, Arbeits- und Beziehungsstatus, ursprünglichen Gesundheitszustand. Im vergangenen Jahr stand das Ergebnis endgültig fest: Die Bücherliebhaber lebten länger als die Nichtleser. Im Schnitt sogar um fast zwei Jahre. Insbesondere die Vielleser schienen zu profitieren. Doch auch schon eine halbe Stunde Lesen am Tag erhöhte die Überlebenschance signifikant. Woher eine solche Schutzwirkung der Literatur rühren könnte, vermag das Forscherteam noch nicht zu sagen. Ungeklärt ist auch, ob Romane oder Sachbücher besser geeignet sind, die Lebensgeister zu erhalten. Dieses Kapitel muss also noch geschrieben werden.

Intuitiv wissen wir aber schon längst um die Heilkraft der Bücher: Liegen Kinder krank im Bett, lesen ihre Eltern ihnen Geschichten vor, damit sie schneller wieder gesund werden. Liegen Soldaten krank im Wüstenlazarett, liest ihnen die Krankenschwester etwas vor – so wie es dem englischen Patienten im gleichnamigen Buch ergeht: "Er hört ihr zu, schluckt ihre Worte wie Wasser", heißt es darin.

Documenta - Lesen ist Luxus Auch im 21. Jahrhundert werden in vielen Ländern Bücher zensiert. In diesem Video zeigen wir, was wo verboten ist. © Foto: Ben Stansall / Getty Images
Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Die Literatur selbst weiß, wie heilsam sie ist. Der französische Philosoph und Lyriker Paul Valéry berichtet in seinen Tagebüchern von einem Kranken, der während seiner Operation immer wieder Gedichte aufsagte, um seine Schmerzen zu lindern. In Andrea Gerks Buch Lesen als Medizin finden sich zahlreiche solcher Geschichten.

Ein gutes Buch kann helfen, mit einer schlimmen Diagnose zu leben, es lindert die Angst vor dem Alter, stemmt sich gegen Depressionen, es kann "die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", wie Franz Kafka feststellte. Warum Literatur besänftigend auf die Seele wirkt, verrät Erich Kästner: "Es tut wohl, den eignen Kummer von einem andren Menschen formulieren zu lassen. Formulierung ist heilsam."