Was die Studenten in Halle-Wittenberg gegen Luther haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Man stelle sich vor, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg würde ausgerechnet im 500. Jahr der Reformation ihren Namenspatron abstoßen. Unvorstellbar? Exakt dies diskutiert der Studierendenrat der Universität gerade. "Nicht unser Held, nicht unsere Reformation – Lutherjahr kritisieren!", heißt es in einem Papier. Für die Studierenden ist klar: Luther war ein Antisemit. "Luthers Hetze gegen Jüdinnen und Juden zeigt, was für ein Mensch zum Symbol der Reformation (...) und zum Patron unserer Universität gemacht wird", schreiben sie. Und ein Antisemit könne doch um Himmels willen nicht Namensgeber einer Universität sein!

Patrone haben es nicht leicht in diesen Tagen. Die Universität Greifswald ringt mit ihrem Ernst Moritz, nun auch Halle-Wittenberg mit Doktor Martinus? Der Bekanntheitsgrad von Arndt liegt weit unter dem von Luther, der nicht erst auf der ganzen Welt verehrt wird, seit Margot Käßmann seine Botschafterin ist und Playmobil eine Luther-Figur in die Läden gebracht hat. Das Reformationsjubiläum ist ein Verkaufsschlager, ein Touristenmagnet.

Den Studierenden ist das egal. Sie fordern, dem Luther-Kitsch ein Ende zu machen und sich endlich kritisch mit seinen dunklen Seiten auseinanderzusetzen. Was sie übersehen (und worauf auch die Fachschaft der Theologischen Fakultät in einer Antwort hinweist): Ganze Zweige der Evangelischen Theologie beschäftigen sich mit dem bösen Luther. Keine Vorlesung zur Reformation, geschweige denn zum Reformator, ohne die Auseinandersetzung mit seinen Hetzschriften.

Besonders Luther-überdrüssig ist die Offene Linke Liste in Halle-Wittenberg. Der Name Luther passe nicht zu einer emanzipierten Universität. Bereits im Mai 2016 drohte ein Mitglied damit, so lange Anträge zu stellen, bis die Universität umbenannt werde. Stattdessen solle die erste deutsche Ärztin der Universität ihren Namen leihen: Dorothea von Erxleben. Was Luther dazu sagen würde? Simul iustus et peccator – der Mensch ist Sünder und Gerechter zugleich.