Eine solche Trendwende hat die Republik selten erlebt. Eben noch im Bann unverschämter Rechtspopulisten und schwächelnder Volksparteien, erfährt sie nun einen unerwarteten Energieschub. Von demokratischer Lustlosigkeit wechseln die Deutschen in den Zustand politischer Faszination.

Ausgelöst hat diese Entwicklung die Partei, der man das am wenigsten zugetraut hätte. Die SPD selbst rätselt, wie ihr das gelingen konnte. Ihr furioser Start ins Wahljahr wirkt wie der große Quirl, der alle Konstellationen durcheinanderwirbelt. Erstmals seit Jahren befindet sich die SPD auf Augenhöhe mit der Union, erstmals kann sie wieder glaubhaft ihren Führungsanspruch anmelden. Die unversehens aufgetauchte Machtfrage zerstört die Hierarchie, die sich zwischen den beiden Volksparteien eingebürgert hatte. Ihre Auseinandersetzung bildet plötzlich wieder das Zentrum des demokratischen Wettbewerbs.

Wenn sich das Interesse auf die Polarisierung der beiden Großen richtet, laufen die Kleinen Gefahr unterzugehen. Besonders unerwartet kommt das für eine Partei, die den Trend für sich gepachtet zu haben schien. Doch vier Wochen Martin Schulz drücken nicht nur auf die Umfragewerte der AfD. Die ganze Inszenierung aus Wut und Ressentiment verliert gerade ihr werbewirksames Erregungspotenzial.

Doch vor allen anderen Bewerbern sieht sich die Union herausgefordert. Zu Beginn eines Wahljahres, das schon gelaufen schien, hat sie plötzlich einen Gegner bekommen. Dabei kann sie sich nicht darauf verlassen, dass das Hoch der Genossen so schnell vorbeigeht, wie es gekommen ist. Natürlich macht ein Höhenflug skeptisch, der allein von der Strahlkraft eines Kandidaten getragen scheint. Doch gerade weil Schulz nicht ausreicht, den Schulz-Hype zu erklären, geraten Gründe in den Blick, die für die Union noch unangenehmer sind als ein starker Gegner.

Im Aufschwung der SPD steckt die Sehnsucht nach dem Ende der Konsenspolitik, nach scharfen Kontroversen, nach funktionierender Demokratie. Während die SPD zur Projektionsfläche für solche Erwartungen geworden ist, richten sich diese Sehnsüchte nicht auf die Union. Sie hat so lange dominiert, dass sie nun in eine Art Gesamthaftung für die negativen Züge des politischen Betriebs genommen wird. Die Welt dreht sich in irrem Tempo, nur die Politik in Deutschland war in Alternativlosigkeit erstarrt. Dafür wird nun die Union verantwortlich gemacht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 2.3.2017.

Martin Schulz winkt derweil mit dem Ende der Zwangsgemeinschaft in der Mitte der deutschen Demokratie. Das ist die Suggestion, die seine Kampagne trägt. Sie ist für seinen Erfolg bedeutsamer als die konkreten Inhalte, die seine Gegner hilflos und wütend von ihm einfordern. Das Bedürfnis nach einer anderen Politik ist inzwischen so stark, dass selbst symbolische Akzente schon wie richtungsweisende Botschaften aufgenommen werden. Eine neue Gerechtigkeitsstrategie, Abkehr vom "neoliberalen Zeitgeist", Skepsis gegenüber wachsenden Rüstungsausgaben – mit solchen Signalen könnte die SPD weit kommen.

Und die Union? Der Schock darüber, dass es doch noch eine zweite Volkspartei gibt, sitzt tief. Und produziert Reflexe. Schon die Flüchtlingskrise und der Aufstieg der AfD hatten Zweifel an der Generallinie der Kanzlerin geweckt. Die CSU empfahl sich als Kronzeuge einer konservativen Gegenbewegung, die nun, da der Koalitionspartner zum Kontrahenten wird, vielen in der Union als passende Reaktion erscheint. Wie die Genossen jetzt, nach Jahren gefühlter Entfremdung, befreit auftrumpfen, so wächst in der Union das Bedürfnis, einer entfesselten SPD nun selbst wieder authentischer, schärfer, traditionsnäher entgegenzutreten.

Immer war der Machterhalt das ultimative Argument, mit dem sich die Partei auf Merkels Mitte-Kurs einließ. Jetzt, wo die Macht gefährdet ist, wachsen die Zweifel. Doch eine Union, die nach rechts rückt, steht vor einem unlösbaren Dilemma. Sie müsste die Kanzlerin entweder beugen oder isolieren. Beides liefe auf eine Demontage hinaus.

Für die Union ist es zu spät, ihre Aufstellung noch zu verändern. Sie muss auf die Kanzlerin vertrauen. Und darauf, dass am Ende doch nicht die Sehnsucht nach neuen Ufern die Wahl entscheidet. Auch das Zutrauen in Merkels Fähigkeit, den Schaden einer Trumpisierung der Welt in Grenzen zu halten, kann im Herbst den Ausschlag geben.

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