Wer kann, zieht weg – das galt lange für die Provinz. Von Landflucht war die Rede, von Ärztemangel und ausblutenden Dörfern. Doch die Menschen zieht es wieder raus aus der Stadt. Nicht in die Speckgürtel, die Vororte mit S-Bahn-Anbindung. Nein, die Städter machen Ernst: Es zieht sie in die Einöde. Der neueste Trend heißt "Dorf".

Landbewegungen hat es immer gegeben. Sie waren romantischer Natur, wie die Wandervogelbewegung, oder ideologischer, wie die Grünen in den 1970er-Jahren. Nach Jahrzehnten der Urbanisierung entwickelt sich nun eine neue Dorfbewegung. Ob sie die Alterspyramide auf den Kopf stellen kann?

Lange gaben sich Städter damit zufrieden, ihre Wohnung ländlich einzurichten (aktuell ist wieder Eiche angesagt) und am Wochenende "rauszufahren". Doch inzwischen haben Menschen, die zum Studium oder wegen der Arbeit in die Stadt gezogen sind, satt, was sie noch vor wenigen Jahren für unverzichtbar hielten. Enttäuscht stellen sie fest: Die Wege sind im dichten Verkehr oder der vollen U-Bahn nicht kürzer als auf dem Land. Aus mehreren Schulen für das Kind auswählen zu können muss kein Vorteil sein, und das Überangebot an Kultur strengt die meisten mehr an, als dass es sie beflügelt. Auch in der angesagtesten Stadt der Welt muss sich vom Sofa aufraffen, wer in die Oper will. Pizza bestellen und Filme bei Netflix gucken geht mittlerweile auch in Hünxe. Selbst gebürtige Städter zwingt die Entwicklung immer weiter raus. Die Urbanität wird ihnen zunehmend zur Last – von den Mietpreisen ganz zu schweigen.

Gleichzeitig entdeckt auch die Politik das Land. Der Schulzzug etwa machte dort jüngst halt und twitterte: "Deutschland ist nicht nur Berlin. Wir leben hier auch in mittleren Städten und in vielen kleinen Dörfern. Überall muss man gut leben können!" Die vielen Porträts des SPD-Kanzlerkandidaten mit Rekurs auf sein Heimatstädtchen Würselen tragen ihren Teil zur Rustikalisierung seiner Kampagne bei. Ahnt Schulz, dass er die Wahl 2017 nur mit dem Land gewinnen wird? Es könnte die Lehre aus Brexit und Trump sein, den beiden Ereignissen des vergangenen Jahres, als das urbane Deutschland morgens aufwachte und feststellen musste, dass die Welt nicht nur aus kreativen Großstädtern besteht.

Romane wie Vor dem Fest von Saša Stanišić sind der belletristische Ausdruck dieser Stadtflucht. Wo sie aber noch den Konflikt zwischen den zugezogenen und alteingesessenen Dorfbewohnern beschreiben, entwickelt sich derweil eine neue Offenheit für das ländliche Wissen, die rustikale Art, das provinzielle Leben – gepaart mit einer Sehnsucht nach Natur, Ruhe, Weite. Die Städter müssen feststellen, dass viele ihrer Vorurteile haltlos sind. Die kulturellen und intellektuellen Grenzen zwischen Stadt und Land sind oft nur noch eine Frage der Arroganz. Dazu gehört das städtische Ressentiment, auf dem Land sei man per se borniert und rassistisch.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Städte wie Leipzig und Wuppertal sind beliebt, weil sie günstigen Wohnraum zu bieten haben. Künstler und Studenten zogen in strukturschwache Stadtteile, eröffneten Cafés und Galerien; Architekten, Ärzte und andere Akademiker zogen nach. Die Gentrifizierung war geboren.

Warum sollten sich Dörfer nicht gentrifizieren lassen? Im Gegensatz zu Städten vielleicht sogar mit weniger negativen Effekten für die Alteingesessenen. Genau das schlägt Ton Matton in einem neuen Buch Dorf machen: Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung vor. Der Professor für "raum&designstrategien" an der Kunstuniversität Linz hat im hessischen Dorf Gottsbüren mit den Dorfbewohnern nach der Identität des Ortes und nach einer möglichen Neubelebung gesucht. In seinem Buch, das an diesem Mittwoch erschienen ist, zeigt er, warum es sich lohnt, in die Dörfer zu investieren.

Vieles, was das Leben in der Stadt so vorteilhaft erscheinen ließ, könnte die Digitalisierung wettmachen. Der Handel findet zunehmend online statt. Soziale Medien ermöglichen ortsunabhängig den Kontakt zu Gleichgesinnten, E-Learning ermöglicht ein Studium von überall.

So, wie mit der Industrialisierung die Verstädterung einzog, wird mit der Digitalisierung der Ballungsraum möglicherweise an Relevanz verlieren. Die Zukunft wird dezentral sein. Je mehr die Welt zum Dorf wird, desto weniger ist das Wohnen in der Stadt plausibel. Womöglich war Berlin mit seinen Kiezen – den inselartigen kleinen Gründerzeit- und Jugendstilvierteln – nie etwas anderes als die Vorstufe der neuen Flucht aufs Land: eine große Ansammlung kleiner Dörfer.